Jeder Slam-Contest braucht seinen Running gag. Gast-Slammerin Sandra Da Vina servierte diesen beim letzten „wortGEwaltig“-Abend, Moderatorin Jasmin Sell partizipierte: „Willkommen zum erotischen Poetry-Slam.“ Denn Da Vina, die außer Konkurrenz als Feature-Gast eingeladen war, zeichnete in ihrer Tagebuch-Chronik die Dramaturgiekurve ihrer Menstruation. „Visualisierter Ekel“, so das künstlerische Credo. Ekel, Jammer (wie Schauder) und Elend, das waren die Themen des Abends. Da Vina gab den Nöten weibliche Schattierungen. Überhaupt muss – da nicht selten eher männliche Teilnehmer die Bühnenmehrheit bilden – bemerkt werden, dass viele Poetinnen am Contest teilnahmen. „Wir sind heute sehr frauenlastig“, kommentierte Jasmin die Hegemonie an diesem Tag. Aber die Akkumulation von viel Elend macht auch nicht vor solchen Geschlechterdifferenzen halt. Vielleicht liegt es auch an der Szenerie: Während anderswo die Slams auf fetten Bühnen zelebriert werden, streift man auf dem Weg ins unscheinbare Spunk durch eine beschauliche Siedlung mit Spießer-Gärtchen, der Grillgeruch der Frühlingseröffnung liegt in der Luft, aus dem Spunk kommen einem schon bei halb geöffneter Tür die ersten Sprechsalven entgegen: Das Kleinbürgertum schien die Klagelieder auszupacken und künstlerisch aufzumucken.

Elend und Konjunktivkonjunktur
Vielleicht drängt sich ein solcher Eindruck auch aufgrund der Location auf: Die ist vor allem chillig und gemütlich. Die wenigen Besucher kennen sich untereinander, spontan geht die Veranstaltung eine Stunde früher los. Oder der Eindruck entsteht, weil man sich auf der Bühne bemüht, auch mal etwas Politisches zu dichten: „Stell dir vor“, empfiehlt Niko Sioulis, zunächst titelgebend: „Wenn Blicke töten könnten.“ Dann entfaltet er ein Panoptikum des Elends: Zwangsprostitution, Alkoholismus, Globalisierungsklaustrophobie – ausgelassen wird nichts. Das wirkt zuweilen, als hätte man John Lennons unsäglichen Song „Imagine“ einmal durch die negative Dialektik Adornos gezogen: Das Ganze ist das Elendige. Björn Gögge stand dem in nichts nach in seinem Text über Liebe und Nazis: „Es war einmal“, beginnt er seine Geschichte über Elsa. Dann kommen ein, zwei – ja, man mag gar nicht mehr mitzählen – Schicksalsschläge, bis sich sogar die Nazis in die Schicksalsschläge einmischen. Dann schwingt hinter der melodramatischen Fassade die pädagogische Keule hervor. Wer es ahnt, kann sich immerhin wegducken. Politisch ist noch links Freiraum für SlammerInnen. Gorny nutzte diesen Freiraum, nicht nur um zu beweisen, seine Verse mit dem Term „Scheiße“ maximal frequentieren zu können, sondern auch als politischen Projektionsraum: Als Bashing gegen rotzige Linksautonome, neunmalkluge Anti-Imperialisten und „Sozialpädagogen der kritischen Sorte“. Zum Teufel mit diesen kritischen Geistern!
American-(Student)-Psycho
Wie gewohnt glänzte Tobias Reinartz mit satirischen Texten. Amüsant schildert er die kafkaesken Hürden und Strapazen eines BAföG-Antrags: Von bürokratischen Formularkleinigkeiten in den ersten paar Semestern, über BAföG-Selbsthilfegruppen bis hin zur finalen Bewilligung: etwa 37€. Inspiriert von Christian Bale in „American Pyscho“ wird die Studierendenförderung in eine Baumarkt-Axt investiert. Das Publikum forderte von Reinartz einen Zombie-Text, mit dem er schließlich im Finale überzeugte: „Auf dem Land“ schildert die Schrecken des Dorflebens nahe Dinslaken, wo der Schlager-Terrorrist Wendler residiert, samstags die Geschäfte schon um 14 Uhr schließen und es kein Entrinnen gibt – „es fährt auch kein Bus mehr.“

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