Lebenskrisen werden im weißen Bademantel überwunden: Dorkas Kiefer und Hugo Egon Balder in „Sei lieb zu meiner Frau“
Foto: TiR/Theater am Dom

„Auf die Jugend zielen wir gar nicht, wir wollen nur etwas jünger werden“

29. August 2013

Melanie Berg über das Theater im Rathaus in Essen, die einzige Boulevardbühne im Ruhrgebiet – Premiere 09/13

Sie sind bekannt aus Funk und Fernsehen, und sie locken ihr Publikum in die Theater. Ein Novum im Ruhrgebiet: Das Theater im Essener Rathaus bekommt keine Subventionen, man zahlt Miete an die Stadt und ist so erfolgreich, dass viele Stars und Sternchen gerne in die ehemalige Kulturhauptstadt kommen. Herbert Herrmann und Nora von Collande spielen im September Neil Simons Komödie „Das zweite Kapitel“,danach folgt „Die Perle“ mit Anita Kupsch. Gibt es da auch Nachwuchs fürs Publikum?

trailer: Frau Berg, warum braucht die Bevölkerung Boulevardtheater?
Melanie Berg:
Weil wir einfach die beste Unterhaltung bieten! So einfach ist das.

So einfach ist das?
Es ist die perfekte Ablenkung vom Alltag. Wenn man von der Arbeit kommt, kann man sich hinsetzen und entspannen, man muss über nichts nachdenken. Es ist wirklich nur gute Unterhaltung. Aber natürlich etwas anderes als das Fernsehprogramm, weil es live ist, man dicht dran ist und vor allen Dingen bei uns trotzdem die Fernsehschauspieler sieht.

Warum spielen die Komödien immer in so gutsituierten Kreisen?
Tun sie das?

Nach meiner Erfahrung geht es immer um Architekten, Ärzte ...

Melanie Berg
Foto: TiR/Dettmann


Die Essenerin Melanie Berg ist eigentlich Diplom-Sportmanagerin, die fast zwei Jahrzehnte als freie Journalistin gearbeitet hat. Seit Mai 2012 ist sie Künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des Theater im Rathaus mit einer Leidenschaft für Bertolt Brecht, intelligente Komödien, Werder Bremen und den Ruhrpott.

In der letzten Spielzeit hatten wir das „Heimspiel“, da war große Geldnot bei einem Journalisten. In dieser Spielzeit haben wir wieder einen abgehalfterten Sportjournalisten dabei. Aber es stimmt schon, meistens können sich die Figuren schöne Reisen und große Häuser leisten. Wahrscheinlich ist es leichter, die Geschichten in so einem Milieu zu erzählen. Weil es leichter ist, eine gute Geschichte zu erzählen, wenn man nicht über Geld nachdenken muss.

Und dazu immer Beziehungskrisen?
Weil die den spannendsten Stoff liefern, weil jeder da seine persönlichen Krisen kennt. Es bietet den besten Stoff für die unterschiedlichsten Verwicklungen und die beste Möglichkeit, ein tolles Happy End zu schaffen. Denn das ist ja das, was man bei guter Unterhaltung möchte.Ein Happy End.

Was sind die Highlights der kommenden Saison?
Ich finde, wir haben fast nur Highlights. Ich freue mich auf Hugo Egon Balder und das Stück „Sei lieb zu meiner Frau“, eine Komödie von René Heinersdorff. Auch „AChristmas Carol“ wird sicherlich ein Höhepunkt für unser Haus. Da sind 23 Leute auf unserer Bühne, singend und tanzend zur Musik, das ist für unsere kleine Bühne eine große Herausforderung.

Sind das eigentlich alles Eigenproduktionen?
Nein, im Grunde nicht. Aber das Theater im Rathaus gehört zur Konzertdirektion Landgraf, und die produziert sehr viel selbst. Das Theater taucht deshalb auch oft als Produzent oder Koproduzent auf. Zum Beispiel bei „Motown“, das ist eigentlich auch noch so ein Höhepunkt, das Stück war in der letzten Spielzeit der Überraschungserfolg und kommt deshalb auf jeden Fall wieder, auch weil es immer ausverkauft war. Kein Boulevardtheater, sondern wirklich Show. Ansonsten schauen wir uns immer um, was könnte gut zu uns passen.

Die Schauspieler kommen gerne hierhin?
Ja, die kommen wirklich gerne zu uns. Sie fühlen sich hier wohl, mögen unser Theater. Es ist klein, aber nicht zu klein, und man hat einen wahnsinnig direkten Kontakt zum Publikum.

Und Sie sind das einzige Boulevardtheater im Ruhrgebiet?
Genau.

Erreicht man damit auch die Jugend?

Man darf nicht von vornherein glauben, dass die Jugend gar nicht auf unsere Art von Theater steht. Wir haben hier durchaus auch jüngere Leute im Publikum. Wir haben dieses Jahr auch ein Abo eingeführt, um die jungen Leute herzulocken. Das ist kein Abo speziell für jüngere Leute, sondern die suchen sich eins von unseren verschiedenen Abos aus und bekommen darauf noch mal 25 Prozent Rabatt. In der letzten Spielzeit haben wir ein bisschen experimentiert und hatten ein bisschen Programm, was auch die jüngeren Leute angeht. Auf die Jugend zielen wir gar nicht, wir wollen nur etwas jünger werden. Das ist uns in der letzten Spielzeit auch relativ gut gelungen, aber es reicht uns noch nicht.

Zwischen Stars und rosa Kasse: Melanie Berg ist die Künstlerische Leiterin des Theater im Rathaus. Foto: Peter Ortmann

Und klassisches Repertoire, Shakespeare vielleicht?

Es ist ja nicht so, als hätten wir hier noch nie Klassiker gespielt. Ich persönlich liebe Brecht und freue mich immer, wenn wir seine Stücke auf dem Plan haben. Das letzte war „Herr Puntila und sein Knecht Matti“. Wir sind eigentlich kein reines Boulevardtheater, wir spielen zwar viele gute Boulevardkomödien, aber wir haben immer auch andere Stücke auf dem Spielplan. Shakespeare kann auch Boulevard sein. Wir hatten hier schon mal „Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)“ im Programm. Das ist eigentlich der erste Spielplan, wo wir fast ausschließlich Komödie und Boulevard zeigen – weil unser Publikum das möchte.

Also ist Ilja Richter der Ausreißer der Spielzeit?
„Du kannst nicht immer 60 sein“ nennt er selber „Show-Spiel“. Als das Spielzeitheft in Druck ging, war das Stück noch nicht in Gänze fertig. Ich war bei der Uraufführung und – es ist lustig. Obwohl es schon ein kleines Experiment mit Ulrich Michael Heissig in der Rolle der Knef ist.

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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