Nina Steils und Dominik Dos-Reis
Foto: © Sophia Hegewald

Suchen, Finden – und Verlieren

12. März 2026

Benedict Wells‘ „Vom Ende der Einsamkeit“ am Schauspielhaus Bochum – Bühne 03/26

Wer einen erfolgreichen Roman für die Bühne adaptiert, kann sich zum einen sicher sein, dass die Aufmerksamkeit groß und das Publikum neugierig ist – zum anderen aber muss er auch gegen die Erwartungshaltung des Publikums ankämpfen. Schon Verfilmungen, in denen die Überwältigungsmaschinerie des Kinos greifen kann, müssen häufig mit dem Urteil klarkommen, dass das Buch „besser“ war; im Theater wiederum sind die Zuschauer viel näher am zwangsläufig stark gekürzten Text. 

Der Plattenteller dreht sich

In Bochum wagt nun Regisseur Guy Clemens eine Annäherung an den wunderbaren Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ des deutsch-schweizerischen Schriftstellers Benedict Wells aus dem Jahr 2016. Anderthalb Jahre stand der Roman damals auf der Spiegel-Bestsellerliste. Die Geschichte von Familie, Freundschaft und Liebe hat unzählige Leserinnen und Leser begeistert. Clemens hat laut eigener Aussage den Zugang zum Roman über die Dialoge gesucht. Er entwickelt die Story in erster Linie über das gesprochene Wort, die Handlung spielt sich weitestgehend in den Köpfen der Zuschauer ab. Hierzu passt das karge Bühnenbild von Anja Rabes: Ein Turnhallenboden, der spitz in den Zuschauerraum hineinragt, passt Anfangs zum Internatsumfeld, erfüllt aber im weiteren Verlauf der Handlung kaum mehr Funktion als dass die Platzmarkierungen für die stetig neu verschobenen Möbelstücke hier kaum auffallen. Auf der ansonsten leeren Drehbühne werden ein Herd, ein Kühlschrank, eine Küchenarbeitsfläche und ein Esstisch stetig neu drapiert: Wie ein Plattenteller dreht sich das Leben unter den Füßen der Protagonisten.

Umwege des Lebens

Das Stück beginnt mit der ersten Begegnung zwischen Jules (Dominik Dos-Reis) und Alva (Nina Steils). Die beiden sind zehn und elf Jahre alt, als sie sich zum ersten Mal auf dem Internatsflur begegnen. Beide haben große Verluste erlitten: Jules‘ Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen, Alvas ältere Schwester ist eines Tages spurlos verschwunden. Aus der ersten Begegnung soll – so versprechen sie sich – eine lebenslange Freundschaft werden. Clemens springt durch die zeitlichen Ebenen, indem er seine Hauptfiguren ihr jeweiliges Alter in den Raum hineinrufen lässt: „Ich bin jetzt 16!“, ruft Jules aus und kurz glaubt man an ein kindliches Spiel, bis man als Zuschauer den Zeitsprung mitmacht und nach diesem noch etliche weitere – bis Alva Jules verspricht: „Wenn ich dreißig bin und keine Kinder habe, und du hast ebenfalls keine, dann möchte ich welche von dir.“ Doch das Leben sieht andere Umwege vor, und als Jules mit dreißig wieder auf Alva trifft, ist sie mit dem fast siebzigjährigen Schriftsteller Romanow (Mathias Max Herrmann) verheiratet.

Kurz aus dem Takt

Neben der Liebesgeschichte zwischen Jules und Alva werden auch die Schicksale von Jules‘ älteren Geschwistern Liz und Marty verwebt, die auf ganz eigene Weise mit dem Tod der Eltern umgehen: Marty (Oliver Möller) wird zu einem verbissenen Karrieretypen, während Liz (Karin Moog) durch eine Jugend voller Partys, Drogen und Sex taumelt. Einen großen Zeitsprung verdeutlicht Clemens, indem er Liz im Halbdunkel zu Elektrobeats tanzen lässt, die Kühlschranktür ein ums andere Mal geöffnet und zugeschlagen wird. Hier hätte die Regie schneller auf den Punkt kommen können, die ebenso plakative wie letztlich uninspirierte Szene will und will nicht enden. Doch dies bleibt die einzige Länge in einem ansonsten gut getakteten Stück. Hervorragend die Idee, die Souffleuse (Tanja Grix) aktiv in das Stück einzubinden, um die beginnende Alzheimer-Erkrankung Romanows zu illustrieren. Auch das Motiv des gemeinsamen Kochens, das sich durch den Abend zieht und in eine Familienmahlzeit mündet, entstammt dem Roman und weiß zu überzeugen. In einer nicht dem Roman entsprungenen Szene, in der Alva und Jules berühmte Zitate aus Liebesfilmen intonieren, wird dem Schwermut eine humoristische Note entgegengesetzt, ein „comic relief“ im besten Shakespearschen Sinn. Nicht zu vergessen die Figur des Toni (Payam Yazdani), der gemeinsame Freund der drei Geschwister, der unsterblich und unerwidert in Liz verliebt ist und ebenso liebenswert wie tragisch ist.

Wer bei diesem Theaterabend nicht mindestens einmal eine Träne aus dem Augenwinkel wischen muss, ist emotional verhärtet. Eine angemessene Bühnenadaption eines Romans, der selbstverständlich – das muss bei allem Respekt gesagt werden – „besser“ ist.

Vom Ende der Einsamkeit | Sa 21.3., Do  2.4., So 5.4. | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55

Frank Schorneck

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