Trotz Mord und Bombenanschlag. 450 Seiten in zwei Stunden, da verliert der Zuschauer im Theater Essen schon einmal den Überblick und den einen oder anderen Zusammenhang. Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer hat den Deutschen Buchpreis-Roman „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse fürs Theater selbst dramatisiert und zeigt die Europäische Union nun im Grillo als das, was sie ist – ein Schweinesystem. Die finale Idee im Stück, und das ist ebenso revolutionär, wie undurchführbar: Ausschwitz solle als Hauptstadt eines endgültig vereinigten Europas die unterschiedlichen nationalen Begehrlichkeiten zusammenführen, denn das gemeinsame „Nie wieder!“ sei die wahrscheinlich einzige Prämisse dafür.
Und so erzeugt die Inszenierung einen durchaus amüsanten Abend, bei dem Schweinemasken und eine riesige schneeweiße schiefe Ebene die EU symbolisieren, auf der die sechs Protagonisten in zig Rollen oft, sehr oft ins Rutschen kommen. Der Schweinebauer Florian Susman, der massig Schweineohren-Abfall nach China exportieren will und als Präsident der European Pig Producers ausgerechnet auf seinen introvertierten Bruder Martin hofft, zieht dafür alle bekannten und unbekannten Register. Bombenstimmung in den Gremien. Tautologien werden zu Dauerschleifen, wenn es darum geht, das wohl angeschlagene Image der EU (wie kommt Menasse bloß darauf?) zu verbessern. Ein teures „Big Jubilee Project“ wird angedacht und durchläuft nun endlos die Gremien, die alle ihren Senf dazu geben wollen. Ablehnung durch Zustimmung ist dabei ein bewährtes System. Im zweiten Teil reißt Schmidt-Rahmer die schiefe Ebene auf, ein Riss entsteht aus dem ein riesiger Schweinekopf quillt. Diesen Spalt schließt niemand mehr.
„Die Hauptstadt“ | R: Hermann Schmidt-Rahmer | Fr 16.11., Fr 23.11., Mi 5.12. 19.30 Uhr | Grillo Essen | www.theater-essen.de/schauspiel/
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