„Chaos“ am Theater an der Ruhr
Foto: Running Water

Eine Welt aus Mensch und Maschine

29. August 2026

Spielzeiteröffnung im Theater an der Ruhr – Prolog 09/26

Ich gebe zu: Wenn ich irgendwo BLUR lese, denke ich an Exzesse vor Jahrzehnten, doch die Boys and Girls, die beim MülheimerTheater- und Cyberfestzur Spielzeiteröffnung an den Start gehen, sind nicht real und haben wohl auch nix mit Britpop zu schaffen. Sie sind Teil eines bahnbrechenden und preisgekrönten Virtual Reality-Erlebnisses von Craig Quintero und Phoebe Greenberg. Vier Tage lang pendelt der Zuschauer am Theater an der Ruhr im CHAOS zwischen Realität und virtueller Welt und beschäftigt sich mit Technologie und einer immer unsicherer werdenden Zukunft. Inwieweit die Realität selbst durch Künstliche Intelligenz tatsächlich erweitert werden kann, bleibt abzuwarten. Die Möglichkeiten der Digitalität im Hier und Heute beschränken sich jedenfalls eher auf hybride Kriegsführung, auf kaum durchschaubare Desinformation und endlose kriminelle Möglichkeiten, auch denen der Kontrolle. Wie man mit den neuen digitalen Überwachungsmöglichkeiten umgehen kann, zeigen Uroš Krčadinac & Marko Milić aus Belgrad in GAITLESS. Das Publikum kann lernen, wie man sich bewegen muss, dass eine KI einen nicht mehr als Mensch erkennt. Ihre kluge, wie komische Choreografie des Ausweichens lässt die Teilnehmenden einfach „unmenschlich“ werden. Wer bei Twister auf dem Boden eine gute Figur macht, sollte die Maschinen schon austricksen können.

Vielleicht heben Cyborgs dereinst das Theater auf eine neue Ebene des Performativen, im September zeigen noch unprogrammierte internationale Künstler:innen aus Kanada, Taiwan, Serbien, Spanien und Deutschland auch echtes Theater jenseits die virtuelle Welt, dazu Konzerte und Installationen.

Dabei ist auch eine hybrid-digitale, transnationale, hydrofeministische Medien-, Musik- und Tanz-Performance des kainkollektiv (Südafrika, Griechenland, Kamerun, Iran, Kanada, Deutschland). Schon der erklärende Zusatz „Bitte was?“ provoziert genau die sinnhafte Frage nach dem konzentrierten Lesen. Es geht in MAMI WATA um eine afrikanische Sirene, auch Mutter des Wassers, die immer noch gefürchtet wird und deshalb auch mit wilden Tänzen und Opferritualen verehrt wird. In der Performance wird sie aber auch zu einer mythologischen Grenzgängerin zwischen Land und Meer, Leben und Tod und der europäischen Kolonialgeschichte. Wasser als Zukunftsvision spielt beim immersiven Erlebnis immer eine entscheidende Rolle, es definiert den jeweiligen Spielort – in Mülheim an der Ruhr ist das natürlich selbsterklärend.

Chaos, Theater- und Cyberfest zur Spielzeiteröffnung | 17. – 20.09. | Theater an der Ruhr, Mülheim | Infos: 0208 599 01 88

Peter Ortmann

biograph | choices | engels und trailer - die online Kinoprogramme für
Bochum, Bonn, Castrop-Rauxel, Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Frechen, Gelsenkirchen, Hagen, Herne, Hürth, Köln, Leverkusen, Lünen, Mülheim, Neuss, Oberhausen, Recklinghausen, Solingen und Wuppertal