In Anthony Burgess‘ 1962 erschienenem Roman überfällt eine Horde Jugendlicher brutal ihre Mitbürger:innen. Der 15-jährige Bandenanführer Alex, ein großer Verehrer Beethovens, kann dem Gefängnis entgehen, wenn er sich für eine noch im Teststadium befindliche Methode zur Verfügung stellt. Die soll zur vollständigen Ablehnung von Gewalt führen. Nach der Verfilmung von Stanley Kubrick (1971) setzt sich nun auch diese Bühnenadaption mit dem Stoff auseinander.
trailer: Frau Bossard, was tun wir, wenn aus einer Dystopie Realität wird – ins Theater gehen?
Claudia Bossard: Ja, unbedingt ins Theater gehen. Anthony Burgess hinterfragt in seinem 1962 erschienen Roman „clockwork orange“, ob dem Menschen ein gewisser Hang zum Bösen inhärent ist und das erscheint mir gerade in diesen dystopischen Zeiten als eine notwendige (kollektive) Auseinandersetzung. Deswegen ja, ab ins Theater. Immer. Weil mehr als aufregen kann man sich nicht. Und das könnte sich dann auch in eine konstruktive Wut vielleicht weiterentwickeln.
Müsste man denn nicht auch mehr tun?
Es ist sicher immer möglich, auf das jeweilige direkte Umfeld einzuwirken oder da etwas zu tun und das tangiert am Ende dann doch auch das große Ganze. Aber es ist nicht einfach, sich bei all den Dos und Don‘ts in der heutigen Zeit zu orientieren. Da ist Klimakatastrophe und Aufrüstung überall parallel, gleichzeitig. Wie soll man da noch ruhig bleiben? Es ist heutzutage so, dass ich, bevor ich überhaupt die Zähne geputzt habe, 20 Kriege und Katastrophen weltweit gleichzeitig in unter 1,5 Minuten konsumieren kann – das stumpft einen natürlich ab. Insofern ist die Ludovico-Methode, mit der man Alex umerziehen will, heute allgegenwärtig und real geworden.
Was, wenn diese Jugend mehr mit unseren Eltern zu tun hat, als uns lieb ist? Sind Alex und Kumpane in der Inszenierung wieder durch Sozialisation entschuldigt?
Diese Frage setzt voraus, dass das Erbe unserer Eltern uns für all die Dinge in der Welt entschuldigen kann. Das lässt sich nun unmöglich hier so schnell abhandeln. Für eine Antwort müsste man mehr Raum schaffen und auch die Jugend selbst sprechen lassen.
Wie gefährlich wird auf der Bühne der sogenannte Höllenritt durch unsere schöne, alte Welt? Und wie sehr vernebelt Stanley Kubricks Film vielleicht die Bühne?
Wir versuchen, mit einer anderen, eigenen Phantasie der Gewalt und auch der Lust daran zu begegnen. Anders als im ikonographischen Film von Stanley Kubrick, versuchen wir das auch zu erzählen. Der Ritt durch die schöne alte Welt geht auch einher mit Musik der schönen alten Welt, aber die Spiegelung, der Bruch, die Interpretation sucht stets verzweifelt produktiv das Jetzt, die Gegenwart, das 21. Jahrhundert. Beethoven ist ja sein liebster Komponist und was für Kräfte das freisetzen kann und wie vielschichtig diese Musik immer noch funktioniert und arbeitet, ist definitiv eindrücklich.
Was ist in der Bochumer Inszenierung anders als im Roman von vor über 60 Jahren?
Die Geschichte wird im Roman und auch im Film von und durch Alex erzählt, wir machen das mit einem achtköpfigen Ensemble des Bochumer Schauspielhauses. Die Polizei spielt bei uns eine besondere Rolle. Das Buch erzählt auch von einer herumstreuenden Jugend, die quasi aus Langeweile Freude an der Gewalt findet. Und das ist ja sicher auch das Spannende: Hinter der Gewalt von Alex und seinen Droogs liegt nicht per se ein Zweck oder eine Absicht. Diese Gewalt entspringt dem Wunsch, eben auch wahrgenommen zu werden und zu spüren, dass da noch Leben ist, selbst wenn es mit dem Tod einhergeht.
Gibt es für das Stück theoretisch ein gutes Ende?
Rein theoretisch schon. Im Roman ist Alex am Ende erwachsen und macht sich Gedanken, wie es wohl wäre, einen Sohn zu haben. Beim Lesen fragt man sich aber sofort, ob für die nächste Generation ein Entrinnen aus der Gewaltspirale wirklich möglich ist. Vielleicht ist aber nach so viel Gewalt auch ein gutes Ende gar nicht mehr drin.
Bleibt in der Inszenierung wenigstens Beethoven ungeschoren?
Jaja. Auf jeden Fall. Beethoven bleibt in voller Strahlkraft erhalten.
Clockwork Orange | Fr 2.10. 19.30 Uhr (P) | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55
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