Glen Redgen, Frank Dettke, André Wülfing
Foto: Consol Theater

Stimmungsvolles Fabulieren

16. Februar 2021

„Shamrock!“ im Consol Theater in Gelsenkirchen – Bühne 02/21

„Damit ihr auch seht, dass wir im gleichen Raum sind.“ Die Ansage des Mannes am Ende war dem Stream-Behelf geschuldet, der das Programm „Shamrock!“ auf den heimischen Rechner verlegte. Außer beim Applaus waren die Akteure so separiert zu sehen, dass es auch ein Zusammenschnitt hätte sein mögen. Doch die Band „Velvet“, heute zu zweit, war wie Erzähler André Wülfing vor Ort im Gelsenkirchener Consol Theater. Das war auch wichtig – und letztlich doch unübersehbar.

 

Die zweigleisige Entführung in diese irische Volkskultur aus Text plus Musik, sie wirkte zwar schon für sich stimmig. Urwüchsig vielleicht kann man es nennen, was beide Kunstformen als gemeinsamer Nenner verband. Doch nicht nur das: Wülfing erwies sich als Erzähler jener engeren Art, zu der es ein reales, und das meint hier: anwesendes Gegenüber braucht. Irgendwo zwischen Odysseus und Lagerfeuer. Und wo der Zuschauer dies mangels Präsenzrechts nicht liefern konnte, mussten zum Anreden halt die Musiker her: Glen Redgen mit Gesang und Gitarre sowie Frank Dettke mit „Fiddle“ und Gesang. Gut so.

 

Diese ihrerseits – für gewöhnlich gehören vier Mitglieder zur Band – brachten klangvolle Ergänzung, und im Wechsel mit dem Textvortrag spiegelten sie ein wenig dessen Eigenschaften: Geheimnisvoll und hintergründig bei heiter-gelassenem Gestus. Ohne viel äußere Bewegung steckte die (E)Motion ganz in den Melodien und dem Gesang dieser zwei Barden im besten Sinne. Entwaffnend dabei etwa das Phlegma, in dem „From Clare To Here“ sich zum Trinken bekannte: „And the only time I feel alright is when I'm into drinking / It sort of eases the pain of it and levels out my thinking.“ Sympathisch archaisch kam all das für heutige Ohren daher, die Ähnliches im Zweifel vielleicht allenfalls vom Mittelaltermarkt kennen. Tiefenentspannt der Eindruck bei beiden, wobei Glen Redgen in einer Melodik, die nach spätestens dem dritten Titel im Ohr war, mühelos immer wieder in den tiefen Grundton fand.

 

Außen heiter, innen hintergründig

 

Die Geschichten nun erinnerten mal an Grimms Märchen, mal an Till Eulenspiegel. Letzteres bei gelegentlich durchblitzender List und Verschlagenheit: Als ein Gastwirt Schulden eintreiben will, spielen die Schuldner ihm ein grausiges Theater vor, bei dem der Mann scheinbar seine Frau im Streit ersticht – der Wirt sucht entsetzt das Weite. Eher selten mündeten sie in allzu belehrende Moral: Während etwa ein „Struwwelpeter“ doch brachial vor Ungehorsam warnt, fanden sich in dieser irischen Spielart (zum Glück) nur sparsame Botschaften. Immerhin: „Das Gastgeschenk“ erzählt von Besonnenheit und Selbstbeherrschung. Zum Dank für seine Bewirtung hinterlässt dort ein Fremder ein Paket mit einem Goldbarren – findet ihn nach einem Jahr aber unangetastet dort wieder und hört erstaunt: „Wir können darauf zurückgreifen, wenn es gar nicht mehr anders geht.“ Die Story des jungen Paddy schließlich erzählt vom Fabulieren selbst: Am ersten Abend in eine einsame Hütte eingeladen, muss er die geforderte Geschichte erst schuldig bleiben; am zweiten dagegen hat er einiges erlebt – darunter einen Braten am Spieß, der lebendig wird und ihn verfolgt. Genug Stoff, um die Bitte des Alten nun zu erfüllen.

 

Und bei alledem: Lebendig und gestenreich gab Wülfing, gekleidet wie ein Gaukler, die Stories zum Besten; keiner muss entscheiden, wie viel auswendig war und wie viel variiert. Einschübe jedenfalls unterbrachen die bloße Handlung immer wieder und brachten ein gutes Stück Kommunikation in den Vortrag. „Nicht wahr?“ oder auch „Und das kommt in irischen Geschichten sehr häufig vor!“, hieß es mehr als einmal. Und zur Zutat Marienkraut behauptete der Mann einnehmend: „Das kennt ihr! Es wächst auch bei uns, auf der Zechenbrache.“ Ansprechend war das im Wortsinn: im Sinne persönlicher Ansprache. Mal ans unsichtbare Publikum in die Kamera; zuweilen aber wandte der Erzähler sich dazu nach rechts, wo, nur zu erahnen, ja Dettke und Redgen zuhörten – erkennbar willkommen zum Anspielen. Erzählen braucht eben jemanden, der zuhört – und zwar wahrnehmbar, nicht im fernen Wohnzimmer.

Martin Hagemeyer

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