Das ganze Leben ist ein Rost, und wir sind nur die kleinen Würstchen. Einen Schwitzkastenschwank in sieben Affekten nennt der leider viel zu früh gestorbene österreichische Autor und Künstler Werner Schwab (1958-1994) sein wildes Stück über Helmut Brennwert, den arbeitslosen Sparkassenangestellten, über seinen Aufstieg und Fall im extra scharfen Leben. In der Schwab-authentischen Inszenierung von Martin Nimz im kleinen Dortmunder Studio spielt sich das gesellschaftliche Leben auf einem Grillrost ab, die Würstchen fliegen durch die Gegend, Senf spritzt durch den Raum. Nicht ohne Grund erhalten die Zuschauer weiße Anstreicher-Overalls vor Betreten der muffig gewürzten Grillstube, mutieren so auch zum uniformierten Gemeinwesen, das doch ein wenig unsicher auf und unter die Bühne blickt, manche noch mit einer kostenlosen Bratwurst bewaffnet.
Brennwerts Anverlobte verlässt ihn gerade oben, denn ein „ungekochter Sparkassennichtangestellter ist ein Kriminalfall für die Tierkörperverwertung“. Hier beginnt bereits das gewöhnungsbedürftige Kuriosum Schwabscher Sprachverwirrung, bei dem eine Konzentration herrschen muss, die den vielleicht im Raum wandelnden Zuschauer schnell überfordert, den Fokussierten aber über alle Maße mit einem Sprachwitz belohnt, der in zeitgenössischer Dramatik nur ganz selten erreicht wird. In Schwabs letztem Stück, posthum in der Spielzeit 1994/95 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt, prallen nicht mehr die Figuren aufeinander, hier kämpfen die Wörter selbst. Bereits zu Beginn verwandelt sich der arbeitslose Sprechsack Brennwert, sowieso nur noch bestehend aus Straßenköterkot, Erbrochenem, eigenmenschlichem Exkrement und Senf, in das, was er in sich hineinstopft – in ein Würstchen. Wie in anderen Stücken auch, wandelt ein älteres Ehepaar durch die Szenerie, das aus der Zeit stammt, die wieder dämmern möchte, die im scharf gewürzten Menschlein die Hoffnung wiederfindet, die sie längst verloren glaubte. Die alten Nazischweine bleiben in Schwabs Stücken allgegenwärtig, und sie bleiben widerwärtig.
Martin Nimz‘ Inszenierung spiegelt diese gesellschaftlichen Eskalationen zwischen Finanzwelt, Armut und Menschenwürde auf dem großartigen Bühnenbildgitterrost von Cornelia Brückner, unter dem die Erde eines Parks der Vergangenheit eine neue Vision erschaffen will („Der Mensch muss alles tun, um alles zu bekommen“), indem sie sich zerwühlen lässt und Brennwert eine neue Identität erschafft: Er will der deutschen Eiche ihre Vorherrschaft zurückerstatten, was auf allgemeine Zustimmung trifft. Augenblicklich kopulieren der bewaffnete Parkwächter, Brennwert, der Rentner, der leitende Sparkassenangestellte, sie ejakulieren Senf und Mineralwasser durch die Gegend, nur Brennwerts Anverlobte, jetzt Freundin der Sparkasse, wird ignoriert. Als er den Status eines neuen Hitler erreicht, mit Pickelhaube und Holzpferd durch den heiligen deutschen Wald galoppiert, da kehrt die Liebesgeld-Opportunistin natürlich nur temporär wieder, denn Brennwert beendet den Abend geistreich als leuchtendes Fanal. Sein Name war Programm.
Leider erreicht das Schwabische das Premierenpublikum kaum, viele sind mit den Texten überfordert („und dafür bin ich von meiner Couch aufgestanden“), ganz im Gegensatz zu den sechs Schauspielern, die brillant ihre wirklich nicht einfachen Wortkaskaden beherrschen. Das Skandaltheater der 1990er erzeugt immer noch einen überzeugenden, wütenden Abend, der fast zwei Jahrzehnte nach seiner Entstehung aber gar nichts an Wahrheit eingebüßt hat. Hätte Schwab noch die Finanzmarktkrisen erlebt, dann wären die aktuellen gesellschaftlichen Exkremente mit etwas schärferem als scharfem balkanesischen Senf gewürzt worden. Danke trotzdem für dieses vergnügliche Senf-Echo aus der frittierten Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft.
„Eskalation ordinär“ I Sa 17.3., 20 Uhr I Theater Dortmund (Studio) I 0231 502 72 22
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