„Die Räuber“
Foto: Axel J. Scherer

Das Prinzip Hörensagen

28. Mai 2014

Schillers „Die Räuber“ in Oberhausen – Theater Ruhr 06/14

Es ist nicht überraschend wie sich das Prinzip Hörensagen heute in der Gesellschaft festgesetzt hat. Wikipedia ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie man eigene Nachforschungen umgeht, aus Zeitmangel oder Dummheit. Das Prinzip ist auch Grundlage in Schillers „Die Räuber“, wo man jedes Mal fast aufschreien mag, wenn niemand im Stück die Ungeheuerlichkeiten hinterfragt, die zur eigentlichen Katastrophe führen. Karsten Dahlem geht in seiner Neuinszenierung am Oberhausener Theater wenigstens neue Wege und reduziert das Mord und Totschlag-Stück um einen wesentlichen Punkt: die Räuber selbst. Denn die haben in seiner Fassung für das eigentliche Desaster um eine Familie keine Bedeutung.

Franz Mohr, der Zweitgeborene, erklärt am Anfang schlüssig seine Motive, während sich Vater Maximilian, immerhin regierender Graf von Moor, erst mal das nächste Dosenbier zischt. Sie hausen heruntergekommen in einer Art Jagdstuben-Wohnhöhle, Bruder Karl durfte zum studieren nach Leipzig, Franz ist hässlich und nicht erbberechtigt, ja was soll man da auch machen? Karl ausbooten, den Alten killen, die Macht an sich reißen und erst mal alles platt machen, auch Amalia von Edelreich, die zurückgelassene Braut des Bruders. Franz ist böse, aber auch schlüssig, der Vater ein Trottel. So weit, so gut, so nachvollziehbar. Locker führt Dahlem durch das Drama, kann sich vollends auf seine Schauspieler verlassen, die Bühne ist weit und leer, Amalia hockt herum, spielt auch mal mit der ersten Zuschauerreihe, obwohl die „Mitmachtheater scheiße finden“ wie Franz weiß.

Franz weiß alles, auch wie er die Intrige gegen Vater und Bruder einfädelt. Denn beide sind offensichtlich einfältig, kreisen in Gedanken zwar ständig umeinander, ohne sich aber endgültig zu finden. Als das dann stattfindet, ist es auch schon zu spät. Der Vater ist tot, der geschmähte Bruder hat das gemeinsame Spielzeug im Haus längst entsorgt, die Familien der Jetztzeit und der Zukunft sind perdu. Alles genial untermauert vom einsamen Bassisten Gregor Praml, der auch Meister des Midi-Loopers ist. Eine sehenswerte Inszenierung, auch für gymnasiale Weiterbildung.

„Die Räuber“ | Mi 4.6. 19.30 Uhr | Theater Oberhausen | 0208 857 81 84

PETER ORTMANN

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