„Der Kick”
Foto: Norbert Kriener

Einer fehlt

31. Mai 2015

„Der Kick“ am 29.5. im Bahnhof Langendreer – Bühne 06/15

Drei Personen, ein Stuhl pro Rolle und ein strahlend weißer Stoffüberzug – mehr braucht es nicht, um Andres Veiels Stück „Der Kick" aktualisiert auf die Bühne zu bringen. Der Text besteht aus authentischen Zeugenaussagen, Gerichtsgutachten und Zeitungsartikeln, die mosaik-artig aneinandergereiht ein differenziertes Bild vom Mord dreier Jugendlicher an ihrem 16jährigen Freund Marinus im Jahr 2002 in Potzlow zeichnen. Trotz des Verfremdungseffektes dieser schauspielerischen Konstellation – drei Schauspieler für an die 15 Rollen – bleiben die Worte doch erschreckend real.

Die Anspannung im Publikum ist vor allem zu spüren, wenn Carla Camps Santasusana – hinter Alina Stöteknuel und Johannes Thorbecke platziert – in einer beinahe monotonen Stimmlage den Tatverlauf referiert, musikalisch verstärkt durch den Soundtrack des Berliner Duos „Mo et Moi". Kurz zuvor hatte man sich noch amüsiert angesichts der angemessen überzogenen Darstellung der zwei Bürgermeister von Potzlow („Potzlow ist ein ganz normales Dorf"), das Lachen bleibt dem einen oder anderen jetzt aber im Halse stecken. Genauso eindringlich wirken die Ausflüchte der Eltern Schönfeld, die in Ansätzen sogar Verständnis für die Tat ihrer Söhne ausdrücken.

Das Töten eines Bekannten ohne offensichtlichen Grund, das nachträgliche Prahlen mit der Tat und ein Nachgeschmack von Verrücktheit – diese Elemente verbinden „Der Kick" mit Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „Das verräterische Herz" , durch die diese Inszenierung passenderweise gerahmt wird. Der Ich-Erzähler bei Poe ermordet seinen Nachbarn, versteckt die zerstückelte Leiche unter den Bodendielen und verrät sich letztendlich selbst bei der Polizei, da er meint, das pochende Herz seines Opfers durch den Boden zu hören. Ähnlich führte Marcus Schönfeld vier Monate nach dem Bordsteinkick seine Bekannten zu der Jauchegrube, in der die Täter Marinus vergraben hatten.

Anders als in Poes Kurzgeschichte soll die Tat an Marinus nicht geplant, sondern lediglich ein „Aussetzer" gewesen sein – der Junge sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Trotzdem handelt es sich hier ein Ereignis, dass sich über Monate und Jahre angebahnt hat und auf Strukturen zurückgreift, die paradigmatisch für die rechte Szene stehen können. Diese Strukturen – wie Gleichgültigkeit und Ohnmacht der Eltern, Langeweile und fehlende Zukunftschancen der Jugendlichen, ein Umfeld von Alkohol und Gewalt – sind über den konkreten Einzelfall hinaus überall und bis heute zu finden. Wegen dieser Allgegenwärtigkeit rechter Gewalt in Deutschland hat das Theater Gegendruck sich entschlossen, „Der Kick" zu inszenieren und bewusst auch an Schulen aufzuführen. Dadurch erklären sich auch die wenigen Auslassungen in dieser Inszenierung, die eigentlich eine spezifisch ostdeutsche Gesellschaft charakterisieren sollen, in der eine doppelte Aufarbeitungslücke besteht: der deutschen NS-Vergangenheit, die in der DDR Propaganda kaum thematisiert wurde, und der DDR-Diktatur selbst. Die Kürzungen sind bedauerlich für jeden, der alle Hintergründe des spezifischen Falls verstehen will, jedoch auch angemessen zugunsten einer gesamtdeutschen Relevanz für die heutige Jugend.

Ist in „Das verräterische Herz" das Opfer wenigstens durch den imaginierten Herzschlag vertreten, so bleibt im Theaterstück eine Figur stumm. Marinus kann nicht mehr für sich selbst sprechen – und auch die im Stück auftretenden Personen tun es nur widerwillig und ungenügend. Ein weiterer unangenehmer Nachgeschmack, der nach „Der Kick" bleibt – denn Schweigen, Verleugnung und Vergessen erscheinen auch heute noch als das effektivste, wenn auch unbefriedigende Mittel der Traumaverarbeitung, die es zu durchbrechen gilt.

Julia Reiker

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