Absolute Sicherheit gibt es nicht, und wer auch noch große Teile seiner Freiheit freiwillig für latente Sicherheit aufgibt, der wird am Ende frei nach Benjamin Franklin beides verlieren. Dabei stellt sich natürlich die Frage, ob wir das überhaupt bemerken würden. Genau hier setzt am Moerser Theater das Finale der Spielzeit der latenten Sicherheit an, wenn es heißt, ach, wer war der wilde Hengst heute Nacht? Nicht Amphitryon? Ach! Nichts, absolut gar nichts ist sicher, nicht mal, ob es die olle dunkle Materie um uns herum überhaupt gibt.
Identifizieren Sie sich!
Matthias Schönfeldt zeigt im Schlosstheater einen neuen „Amphitryon“, einen, der mit der Technik kämpft, der filmischen Trugbildern erliegt und der sein Göttervertrauen letztendlich an deren Natur verliert. Es geht schon in Breitwand los. Matthias Heße kämpft sich im Film als Sosias durch das Unterholz des Schlossparks. Der Diener Amphitryons ist auf der Flucht vor einem unsichtbaren Verfolger. Doch der lümmelt sich noch in der ersten Reihe des Theatersaals, quengelt, lästert, wirft den ersten Apfel, doch dann wird er Teil der Leinwand, spricht mit Sosias, macht ihn klein, klar wir wissen das ist Merkur, göttlicher Diener des Jupiter, aber eben auch ein kleines Arschloch, und Sosias kannte sich damals noch nicht so gut mit Halo-Effekten bei der Wahrnehmung aus. Und sein klägliches „Wer bin ich denn? Etwas muss ich doch sein?“ kann heute selbst das Internet nicht mehr hören. Identität ist eben ein Schwachsinn, und wenn man in die göttlichen Fänge gerät, weil die sich mal wieder vergnügen wollen, ja so what. Da hilft nicht einmal mehr „The only thing that stops a bad guy with your identity is a good guy with your identity“, oder?
Das schnöde Ende vom Paradies
Im White Cube des Herrscherhauses geht’s in Moers aber munter weiter. Auch Amphitryon muss an seinem Verstand zweifeln. Der Feldherr der Thebaner (Frank Wickermann) kehrt gerade aus dem Krieg zurück und freut sich schon auf Sex und Drugs und Rock’n’Roll, doch irgendwie merkt er schnell, seine Frau Alkmene (Katja Stockhausen) hatte alles schon die Nacht zuvor. Auch seine Identität ist flöten, seine Realität folgt auf dem Fuße, der so nebenbei auch den großen Haufen grüner Äpfel (biodynamisch?) über die Bühne trümmert. Schönfeldt weitet die Verwirrung immer weiter aus, Bühnenbild, Film, Szene, Obst, alles verschwimmt zu einer Melange aus nichts. Die Dunkelheit breitet sich aus, obwohl alles im Schloss schön hell ist. Die Äpfel könnten vergiftet gewesen sein, oder war das doch der Auszug aus dem Paradies? Viele Handlungen haben rituellen Charakter, die Personen versuchen so, sich dem Kern des Problems zu nähern. Charis, die Gemahlin des Sosias (Marissa Möller) scheint die Hüterin dieser Rituale zu sein, ganz anders, als es und die Kleistsche Urversion glauben lassen will. Und für Alkmene jedenfalls sind die Vorgänge als einzige existentiell. Die ursächliche Reputation als Hüterin ihrer eigenen Wahrheit steht auf dem Spiel. Sie ist die einzig wahrhaft Betrogene des Spiels, denn sie gab ihre Liebe ohne Zweifel und wollte sie nun opfern, da eine Auflösung nicht möglich und jedes Ergebnis der Wahrheitsfindung nicht zu ihrer Ehre gereichte. Sie straft die Illusion, sie greift zur echten Waffe. Doch hier merkt Amphitryon/Jupiter, dass sich nichts mehr lösen lässt.
Ein Ende ohne Anfang
Das Ich aller Protagonisten hat sich nämlich längst aufgelöst, ein Statement, das die T-Shirts zeigen, ebenso wie das Kleistsche „Ach!“ nur noch als schnödes Unterhosen-Accessoire existiert. Folgerichtig. Das braucht in Moers nämlich niemand mehr, denn der Identitätsdiebstahl wird nicht mehr rückgängig gemacht, nicht für ein göttliches Baby, nicht für neue Machtverteilung, und wo die wahre Realität geblieben ist, ob auf der Bühne oder im Film, kann niemand wissen. Ach.
„Amphitryon“ | R: Matthias Schönfeldt | WA nächste Spielzeit | Schlosstheater Moers | 02841 883 41 00
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