Roberto Ciulli entkernt für Heiner Müller seine Bühne im Theater an der Ruhr und macht daraus einen Ballsaal in einer Winterlandschaft aus Papier. Auf dieser Fläche findet nun der Stierkampf zwischen Trieb und Ratio statt, in dem die Vernunft immer unterlegen sein wird. Und zwar unabhängig davon, wo man den Zeitpunkt für Müllers Bearbeitung ansiedelt, der die Verortung seines Textes sowohl in einem Salon vor der Französischen Revolution, als auch in einem Bunker nach dem dritten Weltkrieg festmacht und in beiden Fällen identisch verhandelt sieht.
Bei Ciulli kommt noch eine Komponente hinzu. Er besetzt Vicomte de Valmont, den männlichen Pol mit Jubril Sulaimon, einem nigerianischen Schauspieler, der damit auch koloniale Dimensionen und das Resultat militanter „Bekehrung“ der Kirche in Afrika transportiert und der dieser Figur eine gewisse Mächtigkeit beifügt, die sprachlich auch viel Aufmerksamkeit erfordert, was in diesem Zusammenhang eher die Konzentration steigert. Den weiblichen Antipoden, die Marquise de Merteuil spielt Petra von der Beek leicht und scheinbar unbekümmert, doch sie kämpft selbst verbal mit harten Bandagen – was in der Inszenierung oft wie ein choreografischer Bachlauf daherkommt, wird beim Zuhören immer noch zur geschlechterkämpfenden Unerhörtheit, wenn auch die aufgeregte Frivolität von 1782 und handfester Hardcore von Heiner Müller (1980) heute längst niemandem mehr die Röte ins Gesicht zaubert. Zaubern lässt die Regie dagegen den Valmont, wenn er und die Marquise in die anderen zwei Körper wechseln, dann wummert afrikanischer Voodoo durch den alten deutschen Kursaal, von der Körperbeherrschung Sulaimons kann man da schon einmal beeindruckt sein. Die Nacht der Leiber ist eigentlich eine Wette der beiden Ex-Geliebten, mit der sie verzweifelt versuchen ihre Beziehung zumindest körperlich aufzupeppen, und das geht gründlich in die Hose, der Wiederaufbau der erschütterten Tugend misslingt. Am Schluss bleibt nur noch der Gasherd, wie bei Heiner Müllers Gattin Inge, Valmont wird mit Schuhen bedeckt, die die Marquise den ganzen Abend gewechselt hat. Ein Plädoyer für Poesie im Umgang der Geschlechter. Vielleicht.
„Quartett“ | R: Roberto Ciulli | Fr 9.3., Sa 17.3., Do 29.3. 19.30 Uhr | Theater an der Ruhr, Mülheim | www.theater-an-der-ruhr.de
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