Das konnte so nicht stehen gelassen werden. „Ein Slam ist ein Slam ist ein Slam“ hatten die Veranstalter im Pressetext angekündigt. Doch mit dieser vagen Definition zeigten sich einige der DichterInnen an diesem Abend unzufrieden. So wurde die Bühne auch ein Raum, der dazu einlädt, über das nachzudenken, was man da eigentlich macht. Auch die jüngste Ausgabe von SprechReiz bot amüsante Texte en masse. Interessant waren aber vor allem diejenigen, die philosophische, autobiographische, gar autopoetische Reflexionen verlasen. Kurz das, wofür der Poetry-Slam steht (oder stehen könnte.) Was die Literatur bedingt und worüber sie handelt, wurde nicht nur im Siegertext erörtert. Wer von jeglichem Faschingstreiben abgeschnitten sein wollte, war in den Flottmannhallen gut aufgehoben: existentielle und ästhetische Fragen wurden behandelt, ein geballtes Karnevalskontrastprogramm in Herne geboten.
Dialektik der Aufklärung beim Döner-Essen
„So viele nachdenkliche Themen heute“, bemerkte Moderator Sebastian23. Dafür, dass es aber auch ein rundum lustiges Abendprogramm werden sollte, sorgte er höchstpersönlich. Nicht nur in seiner Anmoderation scherzte er etwa über den mikrokosmischen Culture-Clash zwischen den verschiedenen Ruhrgebietsstädten. Sein eigener Slam-Text „Die Ruhr tickt“, der außer Konkurrenz lief, widmete sich diesem Thema genauer und heizte das Publikum an. Den Anfang des Dichterwettstreits machte Christoph Koitka mit seinem „Wohlfühltext“. Er schildert wie der Versuch, einen Döner zu verzehren, seinen Veganer-Freund Torben dazu bewegt, aufklärerisch gegen seinen Fleischkonsum zu agitieren: „Tötet, tötet, kauft, kauft“. Ganz unaufklärerisch verdaut Koitkas lyrisches Ich diese Salven: „Klär mich nicht auf“. Weiter in die philosophische Richtung ging es dagegen mit Sven(!)s Reflexionen über die Bedingungen der Möglichkeit des Slammens. Was im Leben nicht klappt, ist der Stoff, aus dem Literatur gemacht wird. Das ist die Dialektik, aus dem auch der Peotry Slam hervor geht. So fragt Sven! in seiner Reflexion übers Schreiben, wo denn ohne Konflikt noch die Muße liege. Eher leise schwang in Zwergrieses Performance ein Nachdenken über diese Gesellschaft des Spektakels mit. Da ist die Taubheit, auf die ein Slammer stößt: Man muss auf der Bühne schreien, um gehört zu werden. Ganz eigensinnig reflektierte dagegen Christofer über die Hintergründe des Slam-Business in seinem Text „Als ich den letzten Poetry Slam gewann“. Einer der Hauptfiguren des Textes ist Sebastian23, der das Gehörte in seiner Moderation prompt ironisch kommentiert: „Ich finde es ja schön, wenn die Leute mir auf der Bühne Sex-Erfolg andichten.“
Sex, Lügen und Literatur
Süffisant-aufklärerisch entlarvt Jason Bartsch die Lüge des literarischen Kanons. Egal ob Nietzsche, Kafka, Schiller, Fontane oder Mann. Literaturpäpste wie Reich-Ranicki haben immer nur gelogen. Auch in den Klassikern geht es nur ums Vögeln. Nieder mit dem Schulkanon, es leben der neue Imperativ: Lest! Denn zur Untermauerung zitiert Jason Bartsch John Waters: „If you go home with someone and if they don't have books, don't fuck them!“ Sowohl mit diesem Finaltext als auch mit seinem elegischen Slam über einen alten sterbenden Mann – zwei Texte, mit denen er schon bei der letzten WestStadtStory rockte – überzeugte Jason Bartsch die Jury. Mit seiner sprachlich begeisternden Performances avancierte er zum souveränen Sieger. Aber auch er ließ die Frage, was nun ein Slam sei, letztlich offen.
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