Genets erstmals 1947 in Paris aufgeführte Tragödie gilt als Skandalstück, das bürgerliche Gewissheiten über Moral und soziale Klasse gegen den Strich kämmte. Zwei Schwestern planen hier die Ermordung ihrer reichen Herrin. Matthias Heße inszeniert das an einen realen Mordfall angelehnte, für drei Rollen geschriebene Stück mit jungen Schauspielerinnen des Ensemble Total.
trailer: Herr Heße, hinter dem Horizont lauern die Künstlichen Intelligenzen. Wären die Mädels und Jungs heute nicht eher froh, statt Freiheit irgendeine feste Anstellung zu haben?
Matthias Heße: Ja, und das ist genau ein Thema, das die beiden Zofen diskutieren. Die lehnen sich ja sehr weit aus dem Fenster mit ihren Plänen, die gnädige Frau umzubringen – und haben dafür ja bereits versucht, deren Gatten ans Messer zu liefern. Dann merken sie letztlich: Scheiße, wenn das jetzt alles funktioniert und wir hier aus dem Haus rausfliegen, dann haben wir ja gar keinen Job mehr. Wo sollen wir denn dann bleiben? Das ist ja schon ein Thema bei Genet und heute wäre das ja eigentlich nicht anders.
Solidarität scheint aber bei der jungen Generation eher selten; natürliche Schönheit eher auch.
Die Schönheit ist ein ganz großes Thema, die Solidarität interessanterweise auch. Aber da müsste ich jetzt spoilern, weil die jungen Leute haben einen alternativen Schluss gefunden, in dem Solidarität tatsächlich zumindest als Möglichkeit eine Rolle spielt. Es endet bei uns nicht ganz so verzweifelt wie bei Genet. Da ist noch Licht am Horizont.
Heute hätten die beiden Schwestern noch die Flucht in die virtuelle Welt. Aber da geht es ja eher um Versagensängste, die so eine Flucht provozieren, oder?
Naja, zumindest schaffen sie es in Gedankenwelten, die gnädige Frau zu ermorden. Aber der Reiz der virtuellen Welt ist groß. Das liegt aber auch am Spieltrieb. Das sind nicht nur die Versagensängste. Der Spieltrieb ist einfach groß und die Lust, in diese Fantasien einzutauchen.
Wo aber Jugendliche manchmal denken, das entspräche alles der Realität.
Ich glaube das sind Ewigkeitsthemen. Das war immer schon so, nur die Erscheinungsformen ändern sich. Wir haben nach vielen, vielen Versuchen mit den jungen Leuten das Stück eher sehr behutsam modernisiert. Es gibt ein paar Texte, die aus Improvisationen entstanden sind, aber letztlich haben wir festgestellt: Die größten Diskussionsräume für uns ist das Stück, wenn wir das so ein bisschen in dieser Pariser Dachkammer belassen.
Was macht die Inszenierung mit Jugendlichen besonders?
Also, für mich macht vor allen Dingen besonders, dass die ihren eigenen Erfahrungshorizont mitbringen, und das macht auch die Schauspielerinnen besonders. Die junge Frau, die als Schülerin bei Fridays for Future sehr engagiert war, gibt das politische Engagement auch als Studentin nicht auf und hat viel zu berichten. Die andere ist schon erwachsen, steht im Berufsleben und kümmert sich als Sozialarbeiterin um Kinder und Jugendliche in so einer Wohneinrichtung. Das heißt, die ist mit vielen Härten konfrontiert und hat viel darüber zu erzählen, was auch mit der Psyche macht. Von den betroffenen Leuten konnte sie einfach wahnsinnig viel Lebensrealität mit einbringen. Da ist null Elfenbeinturm. Und unsere gnädige Frau ist ja noch gar nicht so eine richtige Jugendliche. Als wir angefangen haben zu proben war sie elf, jetzt steckt sie mit zwölf in der Pubertät. Sie ist wirklich ein Kind, das den ganzen Laden aufmischt und die beiden erwachsenen Zofen unter der Kandare hat und in ihrem Netz zappeln lässt. Dem kann man dann irgendwie nicht entkommen.
Gegen den Kapitalismus hilft dann doch nur „Kill the Rich“? Passt ja zu Jean Genet.
Ja, genau.Eat the Rich, Kill the Rich.Ich will wissen, was gegen den Kapitalismus wirklich hilft, das bleibt ja auch bei uns eine große Frage. Es bräuchte einen Bruch von so großer Radikalität, den man sich aber nicht traut, wenn es einem noch ein bisschen gut geht. Das ist das große Thema, dass man sich nicht auch noch ins eigene Fleisch schneiden will. Wenn ich jetzt irgendwie die gnädige Frau schlachte, denn dann stehe ich selber mit gar nichts da. Wobei, unser Schwerpunkt liegt eigentlich bei den damit verbundenen Frusterlebnissen. Den haben wir so im Laufe der Proben mit den jungen Leuten rausgefunden. Alle kennen diesen Frust, die da beispielsweise bei Fridays for Future engagiert waren und die jetzt irgendwie merken, dass der Kapitalismus einfach alles schluckt. Egal, wie wir rebellieren, egal, wie wir aufbegehren. Am Ende des Tages sind wir da ziemlich hilflos und das ist ja so ein bisschen ein Thema, das diesem Stück neben vielen anderen Themen auch so eingeschrieben ist.Genet fantasiert einen großen Zug der Dienstmädchen zum Schafott. Also, in so einer revolutionären Situation, wo man sich darauf verlassen könnte, dass es schon genug Leute sind und man einfach eine neue Welt aufbaut, sind wir heute nicht. Das ist doch momentan alles sehr atomisiert.
Wie wichtig ist denn bei der Inszenierung diese klaustrophobische Enge der Kapelle?
Die wird eine Rolle spielen. Was er wirklich für uns bedeutet werden wir aber erst erfahren, wenn Leute drinsitzen. Ansonsten spielt der Text von Genet sehr mit religiösen Motiven, auch mit einer religiösen Metaphorik und da kommt uns die Kapelle sehr entgegen. Auch wenn wir vom angestaubten Katholizismus ein bisschen weggehen. Wir sind dann doch eher beim Yoga-Tutorial auf dem Handy und bei Achtsamkeit und solchen Themen. Aber das ist ja nicht minder gut in der Kapelle aufgehoben.
Bleibt denn am Ende wieder eine Leiche zurück?
Auch das müsste ich jetzt spoilern. Bleibt da eine Leiche zurück? Es gibt eine Lösung, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Da sind die beiden Spielerinnen der Zofen selber draufgekommen. Weswegen ich ganz verliebt bin in diesen Cast.
Die Zofen | 10. (P), 16., 20.9., 9.10. 18 Uhr | Schlosstheater Moers, Kapelle | Info: 02841 88 34 110
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