Aernout Mik: Touch, Rise and Fall, 2008
Foto: © Aernout Mik und carlier/gebauer, Berlin

Die zwanglose Realität des Scheins

24. November 2011

Außergewöhnliche Aernout Mik-Retrospektive im Folkwang-Museum Essen – Kunstwandel 12/11

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Dieses Elend durchzieht die heutige Gesellschaft wie ein Myzel. Der niederländische Künstler Aernout Mik macht es zu einem Seherlebnis in seiner Ausstellung im Essener Folkwang-Museum, in einem Raum voller Video-Skulpturen, die die Besucher fast lautlos in Atem halten. Zwei Eingänge stellen sie bereits vor die berühmte Wahl: rechts oder links. Nach Durchlaufen der mit flackernden Neonröhren ausgestatteten schummrigen Gänge aus kaum reflektierenden Plexiglasscheiben stellt man fest: Das Ziel ist dasselbe, die Ausstellung „Communitas“ von Arnout Mik.

Die erste Arbeit, die ich sehe, ist „Organic Escalator“ (2000). Verzweifelt versuchen hier Menschen, auf einer völlig verstopften Rolltreppe nach oben zu kommen. In der frühen Einkanal-Videoinstallation beginnt man nach kurzer Zeit zu schwindeln. Obwohl man steht, scheint die Szenerie unmerklich dem Zuschauer entgegenzukommen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass man in einer beweglichen Architektur steht. Die Seitenwände fahren auf die Videoleinwand zu und dann wieder zeitlupenartig zurück. So ruhig geht es auf den anderen Bildern in der Ausstellung nicht zu, durch die der Besucher unmerklich gelenkt wird, jede Installation der Projektionsflächen ist Teil der künstlerischen Arbeit Miks.

Angefangen hat alles mit der Bildhauerei. Doch nachdem der Künstler der Skulptur den lebenden Körper hinzufügte, entfernte er sich schnell von dem, was eine Skulptur ausmacht. Das Museum Folkwang zeigt als große Retrospektive einen Überblick der Arbeiten aus den letzten zehn Jahren mit besonderem Fokus auf die jüngeren Film- und Videoproduktionen und die in Deutschland bis dato noch nicht ausgestellten Werke. Seine Raum- und Videoinstallationen, die zahlreiche Schnittstellen zwischen Film, Video, Performance, Skulptur und Architektur aufweisen, haben den künstlerischen Umgang mit dem bewegten Bild grundlegend weiterentwickelt. Die Arbeiten funktionieren alle ohne Ton. Durch das Fehlen der Geräusche und die vom Künstler selbst geschaffene Ausstellungs-Choreografie (mit sichtbarer Technik) lassen sich alle Videos in einem Raum konzentrieren, der Betrachter wird nie durch gleichzeitig laufende Geschichten gestört. Auch die wohlplatzierten, guten Sitzmöbel sollen nicht unerwähnt bleiben.

Das Drei-Kanal-Video „Shifting Sitting“ hat in Essen Deutschlandpremiere. Es dreht sich um den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi und seine tonlosen Gesten der Macht, die auch so ein Tross von Gefolgsleuten in Schach halten, während er gerade eine Gerichtsverhandlung theatralisch dominiert. Miks „Bühne der Gegenwart“ braucht keine Dramaturgie, das Double kopiert lediglich dokumentarisches Bildmaterial, das der Künstler bei den endlosen Prozessen in Rom gesammelt hat, fast scheint die Ausnahmesituation „Gericht“ die Normalität zu übertrumpfen, so sehr hat man sich an diese Bilder gewöhnt. Verstörend dabei ist, dass der Betrachter durch die optisch bis auf den Boden reichenden Filme immer physisch an den Handlungen der Akteure hineingesogen wird.

„Communitas“ I bis 29. Januar I Museum Folkwang Essen I 0201 884 54 44

PETER ORTMANN

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