Verblüffend ist es ja tatsächlich, warum dieser Tragödienstoff zigmal so unkritisch zum kanonisierten Lektüren- wie Bühnenstoff erhoben wurde. Denn Gothe hinterließ im „Faust“ eben auch eine Grauzone davon, was der geile Gelehrte mit dem jugendlichen Gretchen anstellte: Verführung oder Vergewaltigung? Darüber sinnieren im Prolog auf der Bühne in Essen zumindest eine Dichterin, eine Schauspielerin und eine Theaterdirektorin, die es schließlich so formuliert: „Seit 200 Jahren strömen die Deutschen ins Theater, um sich daran aufzugeilen, wie das arme Flittchen zugrunde geht.“
Der Gelehrte und die Jugendliche
Nun nimmt sich Fatma Aydemir, unter anderem Autorin von „Dschinns“, diese Teufelspakt-Tragödie in „Doktormutter Faust“ als Reibungsfläche gegenwärtiger Machtdiskurse vor, die Selen Kara, neben Christina Zintl die neue Intendantin des Hauses, zur Spielzeiteröffnung inszenierte. Zur Rahmenhandlung: Professor Doktor Margarete Faust gilt als Koryphäe der Gender Studies und finanziert ihren Studentinnen mit Institutsmitteln illegale Abtreibungen im Ausland. Eine nicht näher definierte rechte Regierung will die Feministin daher vom Lehrstuhl stürzen. Bettina Engelhardt gibt diese resignierte Professorin im blauen Anzug (Kostüme Anna Maria Schories), deren Karriere auf Grund des politischen Drucks wankt.
Die Koryphäe und der Schönling
Ihre Lust erweckt erst wieder Karim, der schwul ist und bei ihr promovieren will. Vor die Nase gesetzt hat ihr diesen Schönling Mephisto, den Nicolas Fethi Türksever als hedonistischen Antreiber gibt, der das Geschehen am Rande bei Popcorn bestaunt: Denn Faust mobilisiert ihre Verführungskünste nicht sonderlich souverän. Und steht irgendwann nackt vor Karim. Wieder eine Grauzone. Aus diesem Rollentausch gewinnen das Stück und die Inszenierung ihren Reiz, die Gretchenfrage stülpt Aydemir zur Geschlechterfrage um: Es geht um Machtgefälle, Denunziation, Identität.
Elegant und humorvoll wird der Goethe-Stoff dekonstruiert und im Lichte gegenwärtiger Gender-Diskussionen beleuchtet. Die karge Drehbühne von Lydia Merkel bleibt meist leer. Damit gibt Regisseurin Selen Kara den toll aufgelegten Darstellerinnen ausreichend Raum, um Konflikte auszutragen, jene Grauzone von Goethe und Gegenwart.
Doktormutter Faust | 1., 13., 28.10.; 17., 24.11. | Grillo Theater | 0201 81 222 00
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