Der größte Binnenhafen Europas – zugleich einer der drei größten der Welt – liegt im Ruhrgebiet und ist inzwischen auch zum kulturellen Wirtschaftsmotor geworden: Seit nunmehr drei Jahrhunderten dient der Duisburg-Ruhrorter Hafen nicht nur als gigantischer Umschlagplatz für Waren, sondern auch – um es mit den Worten von Siegfried Lenz zu sagen – für Geschichten. Bei den 37. Duisburger Akzenten dreht sich das vielfältige Kulturprogramm daher unter dem Motto „nah und fern“ noch bis zum 13.03.16 um die 300-jährige Hafengeschichte. Und auch das Museum der Deutschen Binnenschifffahrt wurde am vergangenen Wochenende zur atmosphärisch aufgeladenen Bühne, als die Poetische Werkstatt Ruhrort dort eine an beiden Veranstaltungstagen (5./6. März) ausverkaufte szenische Lesung zweier nautischer Kurzgeschichten von Siegfried Lenz als Text-Ton-Collage aufführte: Die gleichnishafte Erzählung „Der Beweis“, leitmotivisch durchzogen von Fragmenten aus dem Prosa-Text „Der Hafen ist voller Geheimnisse“.
Möwengeschrei, Brandungsrauschen und Nebelhornsignale (Sounds: Heinz Robert Martin) ertönen im Untergeschoss des Museums zwischen historischen Hafenumschlag-Kulissen – wie geschaffen ist das Setting für Lenz' wirkmächtige Prosa: „Das ist der Hafen: Ein Hort der Geheimnisse, ein Umschlagplatz für Geschichten, ein Rendezvous der Welt...“ (Sprecherin: Karin Torchalski) Der magische Ort, der Land und Wasser, Bekanntes und Unbekanntes verbindet, wird zugleich zum Fokus eines individuellen Fazits: „Hier im Hafen machen tausend Leben ihre Bilanz, hier schließen sie ihre Rechnungen ab, hierher kommen sie zurück und suchen nach verlorenen Anfängen...“ So auch Binnenschifffahrtskapitän Albert Schull (Erich Carl), der vor der letzten Frachtaufnahme im Hafen auf sein 32-jähriges Arbeitsleben in Gegenwart des einzigen Matrosen (Friederike Schmahl) zurückblickt.
Die nüchterne Erzählung, der naturalistische Züge anhaften, ist jedoch subtil durchsetzt von Siegfried Lenz' hintergründigem Humor und kippt zunehmend ins Groteske, als sich der Kapitän im Stile eines kafkaesken Landvermessers daran macht, kurz vor dem Abwracken die exakten Maße seines Schiffs zu ermitteln – um zu dem Ergebnis zu kommen, dass das Volumen seiner „Berta“ acht Tonnen größer sei als offiziell in den Schiffspapieren ausgewiesen. Doch der Gang zum Frachtbüro als vermeintlichem „Ort der Gerechtigkeit“ bringt keine Erlösung – niemand schenkt dem Schiffer Glauben, und eine nachträgliche Zahlung zuvor unberechneter Fracht rückt in weite Ferne. Nur mit Mühe kann der Matrose seinen Käpt'n im Zaum halten, als dieser wie ein Kleistscher Kohlhaas auf irrationale Rache sinnt, mit abgeschlagener Flasche eine Kneipenschlägerei anzuzetteln droht und dabei den „Eindruck eines Mannes“ macht, „der außer sich sein wollte, aber es nicht konnte“ – wobei Erich Carls masurische Mundart-Anklänge passenderweise wiederholt ins Rheinische driften. Über drei Jahrzehnte war Albert Schull mit seinem „trägen, gedrungenen Flußpferd“ niemals liegengeblieben auf jenen Wasserwegen, die wie enge Gefäße das Land durchziehen – und auf seiner letzten Fahrt hilft nur noch eine absichtlich herbeigeführte Havarie, um Gerechtigkeit zu erlangen, denn: „Bei der Bergung, da rechnen se jenau.“
„Du glaubst, da trieb ein Kontinent vorbei (…) mit Schätzen (…), spürst die ganze (…) Herrlichkeit der Welt (…), und im hoffnungsvollen Schlagschatten der Schätze wirst Du tausend Geschichten finden – und Du wirst merken, dass auch Deine Geschichte dabei ist.“ Einige der an beiden Aufführungsabenden insgesamt rund 80 Gäste werden das Dargebotene vielleicht zum Anlass genommen haben, selbst Bilanz zu ziehen und das eigene Arbeitsleben Revue passieren zu lassen – nicht zuletzt dank der unter künstlerischer Leitung von Friederike Schmahl eingängig choreographierten szenischen Lesung der Poetischen Werkstatt Ruhrort. Diese hat seit 2011 bereits 14 Programme erstellt – alle zwei Jahre eines für die Duisburger Akzente – und konnte in den letzten vier Jahren ein Stammpublikum von mindestens 30 Gästen pro Aufführung etablieren. Ihre Arbeit wird – trotz geringen budgetären Spielraums im Kulturbereich – kontinuierlich durch die Stadt Duisburg unterstützt.
Friederike Schmahl war schon im Kulturhauptstadt-Jahr 2010 literarisch in Duisburg-Ruhrort aktiv und konzipierte eine Erzähl- und Klangreise, mit der sie nächtens auf einer kleinen Motoryacht durch die alten Häfen fuhr und ihren Gästen an Bord „Oskars Welt“ nahebrachte, die sich um die gleichnamige fiktive Figur aus der Ruhrorter Binnenschifffahrt dreht. Für die Zukunft wünscht sich die Literaturaktivistin, dass mit dem derzeit umgebauten Ruhrorter Gemeindehaus künftig wieder ein fester Ort für ihre Gruppe, die seit diesem Jahr heimatlos ist, zur Verfügung stehen möge. Ein Wunsch, der hoffentlich in Erfüllung gehen wird, denn die Poetische Werkstatt hat dies zweifellos verdient. Für das laufende Jahr ist unter anderem eine Literaturveranstaltung zu Roger Willemsen Werk „Die Enden der Welt“ angedacht. Wie und wo steht noch in den Sternen...
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