Stadttheater bewegen sich in der Regel wie Supertanker: Schwerfällig und langsam. Kursänderungen bei laufendem Betrieb sind schwierig. Am Schauspiel Essen hat sich Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer entschlossen, die Probe auf die Reaktionsfähigkeit des Theaters zu machen. Anstatt sich, wie angekündigt, den Problemen von Big Data zu widmen, setzte er Mark Ravenhills Stück „Shoot/Get Treasure/Repeat“, zusammengefasst unter dem Titel „Wir sind die Guten“, auf den Spielplan – als Reaktion auf den Anschlag auf Charlie Hebdo.
Eine Frau (Stephanie Schönfeld) genießt den kurzen Moment der Stille beim Frühstück, wenn Mann und Sohn sich für ihr Tagwerk fertigmachen. Das frische Obstsmoothie in der Hand, räsoniert sie über ihr abgeschottetes vegetarisches Leben. Alles ist perfekt: Die große Liebe, der wohlgeratene Sohn, die Eigentumswohnung – alles unterliegt einer totalen Kontrolle, selbst Nachrichten werden aus dem Leben ausgeschlossen, trotzdem lässt sich die mühsam verdrängte Anschlagsfurcht nicht bändigen. Diese Sicherheitsparanoia steigert sich mit einem Paar, das sich gnadenlos selbst analysiert, während der von Gewaltfantasien geplagte Sohn in einem kleinen Häuschen mit einem Soldaten ohne Kopf kämpft.
Vor allem Daniel Christensens Monolog zur Überfremdung steigert sich dann zum Kabarett. Mit brüllend komischem Furor phantasiert er sich in Konfliktsituationen mit Muslimen: Er weigert sich, in seinem Fitnessstudio in Unterhose zu duschen, verteidigt die Karikaturisten, die religiöse Themen aufgreifen, brüllt in seiner Wut sogar ein Karnevalslied („Mer losse de Dom in Kölle“) – während aus der Kulisse ein Mann vor der Verletzung religiöser Gefühle warnt, über die man sich mit den Sicherheitskräften abgestimmt habe. Die Fährte Kabarett führt allerdings direkt in die Falle, die die Regie aufgestellt hat. Denn als Christensen sich mit Turban und Schwert vollends zur Karikatur macht, entpuppt sich der Text als Monolog eines deutschstämmigen Islamisten, der danach als Video eingespielt wird. Groteske oder Provokation? Schmidt-Rahmer und seine Schauspielertruppe haben Ravenhills Text aktuell aufgebürstet, übernehmen manchmal nur die Grundsituation und schreiben sie weiter. Vor allem aber bietet der Abend keinerlei Lösungen an, sondern treibt den Widerspruch in eine unauflösliche Dialektik. Wunderbar absurd, wenn drei westliche Frauen mit multikulturellem Verständnisfuror sich mit einem Islamisten über die Rolle der Frau zu verständigen versuchen. Eindringlich dagegen die Begegnung eines deutschen Soldaten (Thomas Büchel) im Auslandseinsatz mit einer völlig ausgehungerten intellektuellen Muslimin, mit der er einen Fragebogen auszufüllen versucht, während sie nur essen möchte. Ein Kampf, in dem sich die Rollen komplett verkehren, bis die Frau die Diktatur in ihrem eigenen Land gutheißt und der Soldat sich in Selbstanklagen verstrickt. Gelegentlich wünscht man sich, dass nicht jeder Widerspruch in Komik aufgelöst wird, sondern bedrängender bleibt – nichtsdestotrotz: Derart ratlos hat man das Theater lange nicht verlassen.
„Wir sind die Guten“ | R: Hermann Schmidt-Rahmer | Sa 6.6. 19.30 Uhr, So 7.6. 16 Uhr | Schauspiel Essen | 0201 812 22 00
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