Ein Herz fürs Genre

03. Dezember 2010

ComicKultur 12/10

Riad Sattouf sagt‘s, wie‘s ist: Beschneidung ist scheiße! In „Meine Beschneidung“ erzählt der in Paris geborene, bis zu seinem zehnten Lebensjahr aber in Algerien, Libyen und Syrien aufgewachsene Comiczeichner und Regisseur, wie es einem achtjährigen Jungen damit ergeht, dass man ihm die Vorhaut abschneiden will. Mit tiefschwarzem Humor, der die Tragik aber nicht überspielt, erzählt er cartoonhaft die autobiografische Kindheitsgeschichte (Reprodukt). Daniel Clowes hat sich mit seinem Teenage-Portrait „Ghost world“ bereits in den 90er Jahren einen Ehrenplatz in der Comicgeschichte reserviert. Mit „Wilson“ wird sein Ruf zementiert, allerdings ist der Protagonist kein Teenager, sondern einer der vielen zwielichtigen Nerds mittleren Alters, die dort als Nebenfiguren auftauchen: Wilson ist ein Misanthrop vor dem Herrn, und Clowes breitet sein deprimierendes Leben mal in Karikaturen, mal realistischer, aber immer schonungslos vor dem Leser aus (Eichborn).
Gegen das Dasein von Fritz Haarmann ist das natürlich nichts. „Haarmann“ hatte in den 20er Jahren in Hannover über 22 junge Männer ermordet. Götz George hat ihn in „Der Totmacher“ beim Verhör verkörpert, in der Graphic Novel von Peer Meter und Isabel Kreitz wird hingegen ein atmosphärisch dichtes Bild der sozialen und politischen Hintergründe gezeichnet. Kreitz schildert mit ihren typischen Kohlezeichnungen ein düsteres Zeitportrait (Carlsen). Kriminelle über Kriminelle: „Umsonst ist der Tod“ von Sagar Forniés und Sergi Álvarez ist der fünfte Band der Reihe Schreiber & Leser Noir und verdient das Etikett: Großstadtmoloch, korrupte Polizei, Mafia und ein dieses ganze Gefüge erzitternder Mord. Und am Schluss gibt es noch einen komplett abgehobenen Dreh, der es wahrlich in sich hat. Um historische Kriminelle geht es wiederum in „An Bord der Morgenstern“. Riff Reb interpretiert die Vorlage des Romanciers Pierre Mac Orlan um einen Haufen Piraten, die über die Weltmeere schippern. Reb bedient weder romantische Freibeuterfantasienm, noch wird er moralinsauer. Er zeichnet genaue Charaktere und scheut weder drastische Gewaltschilderungen noch emotionale Szenen (Carlsen).
Ein Herz fürs Genre hat auch Joann Sfar. Oder für viele Genres. Denn was er da in seinen zahlreichen Werken so munter mischt, ist oft nicht ganz klar. In „Die Tochter des Professors“ verliebt sich eine energische junge Frau im London des Fin de Siècle in eine Mumie und flüchtet fortan vor der Polizei, dem Vater der Mumie und ihrem eigenen. Abenteuer, Fantasy, Zeitportrait – Sfar mixt auf erfrischend unkonventionelle Art eine Geschichte, die vor Humor, Spannung und Herz nur so strotzt. Die Zeichnungen kommen von Emmanuel Guibert (Bocola). Ziemlich abgedreht ist auch „Barbara“ von Osamu Tezuka. Der Manga von 1973 wirkt zunächst wie eine überkandidelte Geschichte über einen Schriftsteller und seine obdachlose Freundin. Doch nach und nach entfaltet die Story dessen psychopatischen Charakter. Der zweite und letzte Band dieser irrwitzigen Parabel ist soeben erschienen (Shodoku). Der dritte Band der Mumins-Gesamtausgabe ist nun auch erschienen. Wie, Sie kennen die Mumins nicht? Jene wie niedliche Nilpferde aussehende Trolls, die die schwedische Zeichnerin Tove Jansson in den 40er und 50er Jahren durch surreale Abenteuer schickte. In insgesamt fünf Bänden sollen sämtliche Geschichten versammelt werden (Reprodukt).

CHRISTIAN MEYER

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