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Ein Mikrofon ist nicht nur zum Singen da

30. Juni 2011

Die trailer-Wortschatzbühne bei Bochum Total präsentiert einen bunten Querschnitt an Sprach- und Wortkünstlern – Literatur 07/11

Die letzten Akkorde sind gespielt. Aus den Boxen suchen sie sich ihren Weg durch die von Menschen und Plastikbechern gefüllten Straßen der Bochumer Innenstadt. Dann macht die Musik bei Bochum Total eine Pause. Eilig werden Instrumente und Boxen auf- und abgebaut. An der Viktoriastraße, wo die trailer-Wortschatzbühne steht, gehen jetzt die Lichter an. Zum vierten Mal wird auf der vom trailer präsentierten Bühne Literatur, Kabarett und Kleinkunst in einem vielseitigen Programm geboten. Ganz ohne Musik kommt man bei einem Festival wie Bochum Total − das auch im 26. Jahr ohne Eintritt auskommt und mit fast sechsstelligen Besucherzahlen ein deutschlandweites Unikat ist − natürlich auch nicht aus. Wortwitz und Klavierkunst treffen sich schon im Kabarett von Matthias Reuter, Punk und Wutpoesie harmonieren beim Dieselknecht und wenn Ben Redelings über Fußball spricht, künden sich im Hinterkopf schon Fangesänge an.

Donnerstag – Erst Honky Tonk, dann Rock & Gospel

Lieder aus dem Wiener Wald. Am Donnerstag startet die Wortschatzbühne mit Andreas Bittl und seinem Liederabend. Der gebürtige Münchener unterzieht darin den einen oder anderen Klassiker einem Wiener-Akzent, mal begleitet vom Akkordeon, mal von der Gitarre. Dabei lässt er sich von Hamburger Matrosenliedern bis zu texanischen Honky Tonk-Stücken à la Hank Williams treiben. Bittl ist ausgebildeter Bariton-Sänger und Schauspieler, arbeitete viele Jahre im Bochumer Ensemble und war zuletzt am Schauspielhaus in „Meuterei auf der Bounty“ zu sehen.

Wer immer noch glaubt, dass Nostalgiker Menschen mit Enthusiasmus für Gegenwartsflucht wären, dürfte von der Bühnenpräsenz Ulli Engelbrechts ab 19 Uhr anders gestimmt werden. Der 1970er und 80er Rock-Experte liest Anekdoten aus seinem Buch „Samtcorde, Strass und Soundgewitter“. In den zwei Jahrzehnten hat sich bei Engelbrecht „soviel Gedankenschrott angesammelt, der einfach mal abgefahren werden musste“. Für die „Schrottmenge“ war seine jahrelange Tätigkeit als Musikredakteur sicher nicht unschuldig. Wenn Engelbrecht mit Geschichten über die Sozialisation zwischen Genesis und Deep Purple fertig ist, lohnt sich der Weg zur gegenüberliegenden Soundcheck Platten- und CD-Börse. Dann kommen alle Nostalgiker zu ihrem Glück.

Zurück aber in die Zukunft: Wenn Sie jemanden nach Comedy-Nachwuchs in Deutschland fragt, brauchen Sie nur ihren Fernseher einzuschalten und spätestens am Abend werden Sie eine Antwort haben. Kabarett-Nachwuchs ist dagegen eine Ausnahme. Der Oberhausener Matthias Reuter stellt sich gegen den Trend und folgt dem satirischen Gewerbe auf musikalischen Wegen. Zu jazziger Begleitmusik fasst Reuter in die offenen Wunden der Gesellschaft: ICE-Terrorismus-Paranoia, Nachbarschaftskonkurrenz um das grünste Konsumieren und ein Gospel für alle Kinder, die an ihrem Geburtstag die Aufmerksamkeit der Großen ertragen müssen.

Freitag – Erst Pop, dann Wut & Biker

Museums-Vandalismus, Hasstiraden gegen die Kunst und Gender-Konflikte. Alles ausgehend von einem Roy Lichtenstein Gemälde, in dem die Frau mit Sprechblase beteuert, ihren Mann zu lieben, obwohl der mit einer anderen schläft. Bei Thomas Sobottka ist das kein ungewöhnlicher Einstieg in eine seiner mit Zitaten aus der Pop-Kultur versetzten Kurzgeschichten. Seit 1999 publiziert Sobottka, dessen neuestes Werk „Rock ‚n’ Roll Storys 2“ im März im Berliner Verlag „periplaneta“ erschienen ist, Literatur-Storys der Marke Pop. Er beginnt den Freitagabend mit skurrilen Diskursen über Randphänomene, die unglaublich wichtig werden, wie in der Popwelt eben auch.

Aber auch Wut ist wichtig. Sie gehört zum „Menschlichen, Allzumenschlichen“. Als Nietzsche dieses Buch schrieb, war er wütend auf die Philosophen. Michael El-Goehre ist wütend auf Frauen mit Kontaktlinsen, spießige Nachbarn oder Hundeliebhaber. Und wie bei vielen vor ihm ist die Wut kein Feind der Kreativität. El-Goehre ist Poetry-Slammer, Comedian, Schriftsteller und legt als DJ seit Jahren im Bielefelder Ringlokschuppen auf. Seine Slam-Performances galoppieren oft locker los, bevor sich das Aggressionsventil öffnet und es Wortsalven im hohen Dezibelbereich hagelt. Myk Jung und Klaus Märkert sind die Schementhemen und bereits zum zweiten Mal in Folge auf der Wortschatzbühne. Der Name für das Literaten-Duo im düsteren 1980er Post Punk-Look geht auf eine in Viersen monatlich veranstaltete Lesereihe zurück, für die das Publikum online ein Thema wählt, zu dem Jung und Märkert dann ihren „anspruchsvollen Unfug“ schreiben. Ihre Geschichten leben von abstrusen Ereignissen, schwarzem Humor und einer sympathischen Misanthropie.

Am Ende des Freitags dröhnt es noch mal bei Bochum Total. Diesmal aber Motorengeräusche. Und die kommen auch nicht aus den Boxen, sondern laufen imaginär im Kopf ab, wenn Klaus „Hüpper“ Wagner aus seinem Buch „Der Freeway Rider – Mein deutsches Rockerleben“ vorliest. Der in Wattenscheid geborene Wagner war Gründungsmitglied der Freeway Rider, einem der ältesten Motorradclubs in Deutschland, die vor allem im Ruhrgebiet präsent sind. Sein Roman ist eine biografische Erzählung über das Leben als Rocker.

Samstag – Erst Heimat, dann Triebe und Halbzeit

Der Samstag startet mit frischem Wind. Das im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres entstandene Next Generation ist ein Zusammenschluss aus Jugendlichen des ganzen Ruhrgebiets. „Homestories – Geschichten aus der Heimat“ war ein erstes Projekt, das über 50 Mal gespielt wurde und auf vielen Festivals Erfolge feierte. Die Jugendlichen erzählten darin von ihrer Heimat: Afghanistan, Libanon oder auch Essen. Regisseur Nuran David Calis realisierte für die Bochumer Kammerspiele eine neue Inszenierung: „Next Generation“. Hier wird getanzt, gesungen, gerappt – und in die Zukunft geblickt. Ein besonderes Porträt Jugendlicher aus dem Ruhrgebiet.

Auf der Wortschatzbühne folgt Autor Jochen Rausch. Der 1LIVE-Programmchef macht hier während seiner Lesereihe Halt und stellt seinen neuen Roman „Trieb/13 Storys“ vor. Darin arbeitet der ehemalige Gerichtsreporter Geschichten zwischen Liebe, Sex, Gewalt und Kriminalität literarisch auf, die ihm „nie wieder aus dem Kopf gegangen sind“: Morde, Unglücke oder menschliche Tragödien in Gerichtsverfahren. Er präsentiert seine Texte dabei in keiner reinen Lesung, sondern benutzt zusätzlich Videokunst und Musik.

Der zweite Autor des Abends Ben Redelings führt das Bochum Total-Publikum im Anschluss literarisch auf das Fußballfeld. Mit seinem Werk „Halbzeitpause“ reiste er ein halbes Jahr durch Deutschland. Nun liest er aus dem Tour-Tagebuch, das lockere Fußball-Komik und bekannte wie unbekannte Fußballer-Zitate beinhaltet. „Freunde der Südsee, geht mir damit nicht auf den Sack“, Jürgen Klopps Antwort auf die Meisterfrage eines Journalisten am fünften Spieltag der Saison, ist eines davon. Der selbst ernannte „Fußball-Bekloppte“ Redelings wird in seiner Text-Auswahl Einiges zu bieten haben, wie auch Dieselknecht. „Unrasiert und fern der Heimat“ spielt die vierköpfige Dortmunder Band eingängigen Deutsch-Pop und aufregenden Punk. Dabei stimmt vom Titel des zweiten Albums bei Bochum Total höchstens der erste Teil. Der Sound von Pa, Smelly XXL, Junior und Marcellus W. ist beeinflusst von deutschem und amerikanischem Liedgut. Musikalisch benutzen sie mit Banjo und Cajón Instrumente, die vom Standard abweichen. Die wilden und nachdenklichen Texte sprechen nach dem ersten, eher lustigen Eindruck auch soziale Missstände an. Denn die Band stellt klar: „Wir sind hart!“.

Sonntag – Erst Träumen, dann Szenereport

Am Sonntag werden die Lachmuskeln der Wortschatzbühnen-Besucher beansprucht. Den Anfang macht Martell Beigang. Der Autor präsentiert Auszüge aus seinem zweiten Roman „Zu Gast im eigenen Leben“ und begleitet sich dazu musikalisch. Erfahrung genug hat er: Als Schlagzeuger der Band Dick Brave and The Backbeats wurde er mit Doppel-Platin ausgezeichnet. Beigangs Roman berichtet von „alltäglichen“ Themen wie dem ungeheuren Wunsch, unbeeinflusst äußerlicher Schwierigkeiten „sein Ding“ durchzuziehen oder dem Wahrwerden eines Traums, nachdem er gerade begraben wurde.

Alltäglich wird es auch bei der Wattenscheider Schule, nur mit einem ausgeprägten Teil Wahnsinn. Das Autorenduo Herr Schlange und Herr Joswig, deren erklärtes Ziel der „Guerilla-Journalismus im Großstadt-Dschungel des Ruhrpotts“ ist, ergründet in ihren Undercover-Reportagen Sektenmessen und Liebesagenturen. Ungeniert lesen sie Texte, allesamt geprägt durch eine harte Kindheit in Bochum Wattenscheid. Der Name ihres Programms gibt dabei einen Vorgeschmack, in welche Richtung es geht: „Literary Lifestyle Terrorism“.

Nicht ganz so brachial, aber keineswegs weniger komödiantisch, wird Andreas Obering am Abend auf der Wortschatzbühne auftreten. Besser bekannt unter dem Künstlernamen „Der Obel“ spielt der 1964 in Hamm geborene Kabarettist Szenen aus seinem aktuellen Programm „Alles rund“. Dieses beschreibt er als „Würfelatur des Balles“, mit Ecken und Kanten, an denen sich das Bochum Total-Publikum stoßen kann. Ob Parodie, Stand-Up oder Sänger, der Obel hat Unterhaltung im Blut. 2005 feierte er sein 25. Bühnenjubiläum, schließlich steht er seit seiner Schulzeit regelmäßig auf der Bühne.

DAWID KASPROWICZ / INGMAR BURMANN

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