Die vier "Dichter und Kämpfer": Sebastian23, Hahl, Fischer und Scharrenberg.
Foto: Copyright MFA+ FilmDistribution e.K.

Ein Poetry-Porträt

11. September 2012

„Dichter und Kämpfer“ in der Bochumer Endstation

Ein Jahr lang hat Marion Hütter die vier Poetry-Slammer begleitet und fängt Proben und Alltag ein: Philipp „Scharri” Scharrenberg outet sich als „Hypochonder“, Sebastian23 singt über die norddeutsche Tiefebene, Julius Fischer rappt gemeinsam mit Christian Meyer auf einem Spielplatz über „Bahndammbrände“ und Theresa Hahl läuft durch das nächtliche Berlin. Exemplarisch zeigt Marion Hütter, was junge Menschen antreibt, sich immer wieder aufs Neue dem Votum des Publikums zu stellen.

Poetry Slam, das ist ein Dichterwettstreit, bei dem das gesprochene Wort zählt. In fünf Minuten tragen die Teilnehmer ihre selbst geschriebenen Gedichte und Geschichten vor. Nicht erlaubt sind Musik und Requisiten, ein dadaistisches Lautgedicht oder BeatBoxing dagegen schon. Nur Stimme, Gesicht und Körper zählen. Wenn die Jury dann eine Tafel mit der Höchstnote 10 in die Höhe reckt, ist der Weg bis zum Slam-Olymp nicht mehr weit.

Marion Hütter gelingt es, die Stimmung der Poetry-Slam-Szene einzufangen. Ihre No-Budget-Produktion wurde auf der Berlinale 2012 in der Sektion „Perspektiven“ gezeigt. Sie legt ein eindrucksvolles Porträt vor, in dem sie die unterschiedlichen Facetten der „Spoken-Word-Bewegung beleuchtet“. Die Filmemacherin wirft einen Blick hinter die Kulissen, zeigt auch die nachdenklichen, intimen Momente.

Arme“ Poeten

„Ich werde wohl nicht in einem normalen Job arbeiten und damit auch immer am Existenzminimum mich bewegen durch diese Entscheidung. Aber ich hab Lust drauf - nee, Lust eigentlich nicht, aber es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, weil ich nichts anderes kann und machen will“, erklärt Poetry-Slammer Julius Fischer. Die Aufregung vor dem Auftritt, der Rausch des Applauses, die Fahrten quer durch Deutschland - Slammen ist auch ein Lebensgefühl. Die Slammer bekommen Kosten für Anreise und Unterkunft, bestenfalls gibt es eine Gage. Die idealistischen Poeten können davon nicht leben, glücklich macht es sie allemal.

Die 1989 in Heidelberg geborene Theresa Hahl trägt immer ein Notizbuch bei sich. „Ich habe kein bestimmtes Thema. Ich schreibe über das, was mich momentan beschäftigt.“ Während der Dreharbeiten ist es das „Erwachsenwerden“. Auf der Suche nach sich selbst schlägt sie kritische Töne an. „Dichterin bin ich nicht so. Ich seh das eher als Amateurkunst, was ich mache. Keine Ahnung, was bin ich eigentlich ...“

Dass die Slammer einander eng verbunden sind, das thematisiert auch „Dichter und Kämpfer“. Den solidarischen Poeten sind Konkurrenzgedanken fremd. Auf der Bühne kämpft zwar jeder für sich, aber insgeheim sind sie eine verschworene Gemeinschaft. „Die Szene ist sehr vernetzt“, betont Sebastian23 im anschließenden Film-Gespräch. Theresa Hahl spricht gar von ihrer „Familie“.

Poetry-Slam als Sprungbrett

Auffällig nur die vielen männlichen Poeten. „In den USA gab es in den ersten Poetry-Slam-Jahren mehr Männer als Frauen auf der Bühne“, so Sebastian23. Dies habe sich aber in der Zwischenzeit geändert. Auch das Vorurteil, dass man nur mit einem gereimten, rhythmisierten Text einen Slam gewinnen könnte, wischt Sebastian23 vom Tisch.

Derweil gibt der Bochumer Workshops für die kommende Slammer-Generation. In Schulen, an Universitäten oder in Kulturzentren übt er mit seinen Schützlingen das kreative Schreiben oder macht Theaterübungen. „Künftig will ich mehr hinter den Kulissen arbeiten“, sagt der Bochumer.

Auch Philipp »Scharri« Scharrenberg versucht sich nun mit einem recht erfolgreichen Kabarettprogramm. Der Sieger der deutschsprachigen Meisterschaften 2009, der erst mit 30 beim Slam debütierte, nutzt seine Poetry-Slam-Erfahrung als Sprungbrett. Und Julius Fischer bildet gemeinsam mit Christian Meyer das Duo „The Fuck Hornisschen Orchestra“.

Während die anderen drei Porträtierten weitest gehend ihre aktive Zeit als Poetry-Slammer hinter sich haben, ist Shooting-Star Theresa Hahl noch voll dabei. In einem Punkt ist sie sich allerdings jetzt schon sicher: Vom Auftreten möchte sie nicht leben: „Ich finde, das nimmt einem die Freiheit, wenn man denkt, ich muss jetzt schreiben, denn ich muss auch noch meine Miete zahlen.“ Theresa Hahl gibt sich genügsam, eine Villa am Schweizer See müsse es nicht sein: „Reicht auch schon ´ne WG in Marburg mit ´nem aufgeteilten Bad.“

Anke-Elisabeth Schoen

biograph | choices | engels und trailer - die online Kinoprogramme für
Bochum, Bonn, Castrop-Rauxel, Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Frechen, Gelsenkirchen, Hagen, Herne, Hürth, Köln, Leverkusen, Lünen, Mülheim, Neuss, Oberhausen, Recklinghausen, Solingen und Wuppertal