Es beginnt harmlos, wenn auch etwas verstörend: Ein Mann tritt auf die Bühne, dürre Beinchen, Haare lang und ungekämmt, in Shirt und kurzer Jeans, aber mit abenteuerlichen Plateauschuhen an den Füßen. Er ist blass und wirkt abwesend, dabei verleihen die tiefschwarzen Kontaktlinsen ihm beinahe die Erscheinung eines Dämons. Es ist totenstill, dann beginnt Roger Sala Reyner zu sprechen: „Give yourself.“ Wie ein Mantra wiederholt er die Worte in einer seltsam betörenden Stimmmelodie, spricht dabei immer undeutlicher. Auf einmal ähneln seine Äußerungen einem anderen Satz. „Kill yourself.“ Dann wird es wieder unverständlicher. Hat er das wirklich gesagt? Oder hören wir mehr, als es zu hören gibt?
Jefta van Dinther, niederländischer Tänzer und Choreograph, der zwischen Berlin und Stockholm einzigartige und oft preisgekrönte Stücke produziert, stellte am 13. Februar im pact Zollverein sein aktuelles Werk „As It Empties Out“ vor. Sechs Tänzer einschließlich van Dinther selbst präsentieren in dem Stück eine Welt, in der Licht und Dunkel, Lärm und Stille, Schein und Realität zu einer abstrakten, grenzenlosen Szenerie verschmelzen, in der die Regeln unserer Vorstellungen außer Kraft gesetzt werden. Mittendrin: der Mensch als Teil des Ganzen, nicht als handelndes Subjekt, sondern als Objekt in einer Welt, die ein Albtraum zu sein scheint, aber kein unangenehmer. Damit bleibt Jefta van Dinther seinem Stil treu und erzeugt wieder ein faszinierendes Paralleluniversum, welches das Publikum für eine gute Stunde in sich aufnimmt und nicht loslässt.

„As It Empties Out“ stellt Fragen und beantwortet sie nicht, lässt so viel Interpretationsraum, dass sich fast die Frage stellt, ob die Bilder überhaupt interpretiert werden wollen. Van Dinther verwendet nur wenige Bühnenrequisiten und beschränkt sich auf eine Handvoll Szenen, die bis zur Schmerzgrenze ausgereizt werden. So wiederholt Roger Sala Reyner minutenlang unermüdlich seinen sich stetig verändernden Satz. Er wird zur musikalischen Begleitung von fünf Menschen, die auf dem Boden kriechen, sich ineinander verhaken und dabei in abstoßender und zugleich packender Erotik Kampf und Liebesspiel imitieren. Irgendwann verschwinden sie von der Bühne, langsam, einer nach dem anderen. Die Bühne leert sich.
In einer anderen Szene sind nur die Unterkörper der Tänzer zu sehen. Sie stehen schräg, nach hinten gelehnt, als trotzten sie der Schwerkraft. Bis sie ganz zu sehen sind. Zu immer lauter werdendem Krach, der so manchen Zuschauer die Hände auf die Ohren pressen lässt, ziehen sie an Seilen und scheinen gemeinsam irgendetwas bändigen zu wollen. Was, erfahren wir nicht. Seinen Höhepunkt erreicht die Szene mit ohrenbetäubendem Krach; dann werden die Akteure von ihren Kräften verlassen und der Lärm ebbt ab.
Die längste und intensivste Szene ist zugleich diejenige, die am unerbittlichsten an den Nerven des Zuschauers zehrt. Es ist stockfinster und beunruhigend still. Auf der Bühne bewegt sich ein Mann, dreht den Oberkörper in schnellem Rhythmus hin und her, ist dabei rot beleuchtet. Im Hintergrund ein schneller Herzschlag und ruheloses Rascheln. Minutenlang geht das so, bis eine zweite Person es dem Mann gleichtut. Irgendwann stehen alle sechs Tänzer auf der Bühne, tiefrot beleuchtet, drehen sich hin und her, hören abwechselnd auf, machen dann weiter. Wieder wird die „Musik“ lauter und lauter, und wenn man denkt, es ist vorbei, geht es von vorne los. Eine nervenzerreißende Unendlichkeit, in der es scheint, als wären wir im Kopf eines Serienmörders angekommen. Auch diese Szene verliert sich langsam und macht Platz für eine Frau im Pelzmantel, die auf dem Boden sitzt und redet. Über die Probleme in der Theaterszene, über Rollen, die man nicht spielen will. Dabei werden ihre Worte immer undeutlicher und sie entfernt sich vom Publikum, wird von Dunkelheit und Lärm verschlungen.
Das Licht geht an, die Akteure kommen auf die Bühne und verbeugen sich. Vielleicht wirkt es nur so, doch der Beifall scheint von Verwirrung und Irritation zu zeugen. Wo ist der Sinn? Wo sind die Antworten? Und genau so lässt Jefta van Dinther sein Publikum allein, mit Fragezeichen, die ganz langsam von allein verschwinden müssen.
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