Bochum ist ja in Sachen Dichtung gespalten. Alles abzulesen an einem Namen: Grönemeyer. Die einen halten es für die ehrlichste Sprache, die man hier über Tage hören kann, die anderen erzittern ob der Trivialität und dem aufgedunsenen Pathos. Aber sei‘s drum: Streitkultur fördert auch immer eine Wortkultur. Diesen Weg beschreiten auch viele der literarischen Intervalle, die in den Musik-Pausen bei der 27. Auflage von Bochum Total zu hören sein werden. Das Terrain kontrovers diskutierter Themen erstreckt sich in die Fleischtheken des Neoliberalismus, in den logischen Zyklus von Kapitalanlage und Weichkäse oder in die Casting-Tempel der deutschen Fernsehlandschaft. Ein Minenfeld an humorvollen und bitterbösen Einblicken in „unser schöner Land“, gespickt mit persönlichen Reminiszenzen wie bei Klaus Merkert, Ben Redelings oder dem „Literandalen“ Tobias Katz. Erstmals gibt es bei Bochum Total einen Poetry-Slam in Langfassung, moderiert von Sebastian23. Start: Samstag 22 Uhr. Zum Schluss darf jeder selbst entscheiden wem oder ob er den Titel „Grönemeyers Erben“ vergeben will.
Donnerstag – Trash von Philosophie bis Atari
Am Donnerstag startet die trailer-Wortschatzbühne mit dem multimedialen Allrounder Josha Hendricksen. Er arbeitet unter anderem als Freier Journalist, Performer und philosophischer Kabarettist. Philosophisch sind auch die Seinsfragen, die ihn umtreiben: „Das Ende der Möglichkeiten, sich überhaupt irgendwas zu denken. Irgendwas. Es ist alles gescheitert. Die basalste Paradoxie, der geringste Widerspruch bringt alle Inhalte zu Fall und stellt die Frage nach dem Sinn auf essentiellste Weise bloß.“ Man darf gespannt sein, ob Josha Hendricksen seinen Zuhörern auch auf der trailer-Wortschatzbühne schwere Kost auftischt.
Eine gehörige Portion Trash und Humor, von der wenige Lachmuskeln verschont bleiben, vereint Micha El-Goehre ab 19 Uhr. Der DJ und Autor aus Bielefeld arbeitete als Freier Redakteur beim Radio und für diverse Printmedien, bevor er die Bühnen dieses Landes erklomm. Seit 2002 tourt er als Poetry Slammer durch den deutschsprachigen Raum. Es folgten zahlreiche Comedyshows und das Schweizer Comedyfestival 2004. Bereits vergangenes Jahr überraschte er auf der trailer-Wortschatzbühne mit seinen Bekundungen über Black Metal, für ihn „die beste Musik vonne Welt.“
Klaus Märkert stand in den vergangenen zwei Jahren mit Myk Jung auf der Bühne. Gemeinsam sind sie das Literatenduo Schementhemen. Dieses Jahr tritt er solo auf, eine Hommage an die 1990er Jahre im Gepäck. Sein Buch „Requiem für Pac-Man“ handelt von der Hochzeit des Bochumer Zwischenfalls und von durchzechten Nächten in alternativen Ruhrgebietsdiskotheken. Mit lakonischer Sprache, jeder Menge Wortwitz und eigentümlichem Humor stolpert er in seinem autobiographischen Roman über die Tücken des Lebens. Bliebe nur noch zu klären, was es mit der Totenmesse für ein Videospiel auf sich hat.
Freitag – Hingabe vom Leder bis zum Weichkäse
Der Freitag startet mit dem liebsten Sport der Deutschen. Getreu des Sammer-Mottos „Das nächste Spiel ist immer das nächste“ ist auch Fußball-Barde Ben Redelings um keine Weisheit verlegen. Etwas anderes als den Nationalsport hat er ohnehin nicht im Sinn. Eines seiner Bücher trägt den Titel „Fußball ist nicht das Wichtigste im Leben – es ist das Einzige“. Schon länger als zehn Jahre würdigt er auf seinen fußballkulturellen Abenden gemeinsam mit hochkarätigen Gästen König Fußball. Der selbsternannte „Fußball-Bekloppte“ gratuliert der Bundesliga zu ihrem 50. Geburtstag. Unter dem Motto „50 unvergessliche Jahre in 90 amüsanten Minuten“ gibt es ein Widersehen mit unvergesslichen Balljägern und Torhütern.
Weniger fußballbegeistert, dafür aber umso unerschrockener ist das Literatenduo der Wattenscheider Schule. Die Jungs gehen auch schon einmal dahin, wo‘s wehtut: Schlange und Josig haben sich seit April 2009 dem Straßenkampf mit Stift und Notizblock verschrieben. Nicht umsonst nennt sich ihr Programm „Literary Lifestyle Terrorism“. Zum zweiten Mal lassen sie auf der trailer-Wortschatzbühne ihre Undercover-Reportagen von sozialistischen Bootcamps, heilversprechenden Sektenmessen und herzlichen Liebesagenturen auf die Menschheit los.
Weniger hart, dafür aber wortgewaltig kommt Tobi Katze daher. Der Wahl-Dortmunder macht Literandale. Dabei beschäftigt er sich mit brennenden Postkarten vor Amrum und natürlich mit französischem Weichkäse. Wenn er nicht auf der Bühne steht, arbeitet er als Filmemacher und Workshopleiter. Tobias Katze ist Mitglied der Leseshow „Guten Tacheles“ und Träger des LesArt-Preises für junge Literatur. Seine Texte sind mal bitterböse, mal nachdenklich und mal urkomisch.
Urkomisch – das kann auch Sabine Bode. Sie schreibt Gags für Harald Schmidt, Hape Kerkeling oder Anke Engelke. Schafft es ihr Witz in eine der Shows, dann freut sich auch ihr Sparschwein. Auf der trailer-Wortschatzbühne präsentiert sie ihre temporeiche Leseshow „Nur was da hängt – die beklopptesten Berufe der Welt ... und andere Texte“, ein Streifzug durch die Welt komatöser Kinderbücher, fieser Frauenzeitschriften oder verhaltensauffälliger Verkaufskräfte. Alles wohl authentisch, denn in den meisten Berufen hat sie selbst schon gearbeitet.

Samstag – Wortgewalt von der Fleischtheke bis ins Textbuch
Der Bochumer Autor und Kabarettist Juckel Henke entwirft in seinem Roman „Frauen, die Schinken stinken“ die Achterbahnfahrt einer ehemaligen Bankkauffrau, deren Weigerung, ihre Kunden abzuzocken, geradewegs aus der Bank und hinter die Fleischtheke führt. Henke ist noch vielen Bochumern als Mitbegründer der Kabarett-Truppe „Dudeljöh“ bekannt.
Eigentlich sollte der Name „Man in Black“ jenseits der US-Südstaaten nicht mehr vergeben werden, aber Roland Heinrich hat sich als Johnny Cash in 229 Shows des gleichnamigen Musicals diesen Namen redlich verdient. Auch sein Soloprogramm, das er für die trailer-Wortschatzbühne mitbringen wird, bleibt zwischen Bluegrass, Rockabilly und Nashville-Sound der amerikanischen Roots-Music treu.
Der Blick auf die Mediengesellschaft zur Fernsehzeit: Um 20.15 Uhr bereichern das Duo Ape&Feuerstein zum ersten Mal das Publikum an der Viktoriastraße. Warum Dieter Bohlens und Heidi Klums Talent- und TV-Sklavenschmiede uns mehr interessiert als die schmelzenden Polkappen, und warum Welthunger nur relevant ist, wenn man Zinserträge sähen kann, werden die beiden Dortmunder auch nicht beantworten. Aber Experten gibt es ja heute genug; Ape&Feuerstein kratzen mit ihrem leichten Folk lieber unterhaltsam die eine oder andere Wunde auf.
Eine besondere Premiere gibt es am Samstag ab 22 Uhr: Erstmals wird es auch bei Bochum Total einen Poetry Slam geben. Wenige Meter von der Bochumer Szene-Kneipe „Freibeuter“ entfernt, wo monatlich zum inzwischen überregional bekannten Dichterwettstreit aufgerufen wird, treffen sich bekannte und erfolgreiche Slammer wie Jan Philipp Zymny (Wuppertal), Mulle (Bochum), Johannes Floehr (Krefeld), Torsten Sträter (Dortmund) oder Tobi Kunze (Hannover). Moderator des schonungslosen Wortgefechtes wird Sebastian23 sein.

Sonntag – es brennen die tasten
Ab 17.45 Uhr setzt sich Kai Bernhardt vielleicht auch an Ihren Tisch. Der Bochumer spielt in seiner Show „Speed-Dating mit Shakespeare“ nur eine Person: Valentin aus Shakespeares „Zwei Herren aus Verona“. Das am Musischen Zentrum der Ruhr-Universität produzierte Stück lebt von seinem schrankenlosen Übergang zwischen Publikum und Protagonist – und welche Bühne eignet sich dafür besser, als ein Millionenfestival?
Anschließend brennen bei Matthias Reuter die
Tasten. Für den Oberhausener ist der Mix zwischen Musik- und Wortkunststücken ideal: „Ich trete mit meinen Sachen jedenfalls genauso bei Liedermacher-Abenden wie bei Kabarettabenden auf“, sagt er über seine Live-Praxis. Diese Vielseitigkeit schlägt sich auch in seinen Geschichten nieder, die nicht nur auf punktgenaue Pointen, sondern einfach amüsante Erzählungen abzielen.
Zum Abschluss rüttelt Moses W. noch mal am Baum der Evolution. Seine Stand-Up-Comedy lebt ebenfalls von musikalischen Einsprengseln, lässt aber ansonsten den Blick auf dem Verfallsprozess der männlichen Gattung ruhen. Jäger und Sammler-Comedy mit Ecken und Kanten für gendersensible Smalltalks am Bierstand.
Wortschatz und Soundcheck
Rings um die trailer-Wortschatzbühne gibt es wieder auch die Buchstaben- und Schallplattenbörse. Dort, wo die Dezibelwerte nicht in die Höhe schießen, lässt sich relaxen, durchatmen und nach Schätzen aus Musik, Literatur und Kunst stöbern. Ursprünglich als Zone der Entschleunigung gedacht, bieten hier passionierte Plattensammler, Bücherwürmer, Designer, Kunsthandwerker und Ruhrpott-Liebhaber einen liebenswerten Mix an nützlichen und unnützen Liebhaberstücken an – die Oase für lang gesuchte Schätze bei Bochum Total.
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