Ein Land, in dem Liebe und Lachen verboten sind. Ein Fremder, der den Menschen Freude und Licht bringen will. Ein Herrscher, der den Unbekannten zum Tod verurteilt. Und die Frau des Regenten, die sich dem Todeskandidaten nackt zeigt, um ihn in seinen letzten Stunden zu trösten und damit einen tödlichen Skandal verursacht.
trailer: Frau Stöppler, Erich Wolfgang Korngolds Oper „Das Wunder der Heliane“ ist seit der Uraufführung 1927 nur selten auf der Bühne erschienen. Haben Sie je ein groteskeres Stück inszeniert?
Elisabeth Stöppler: Nein. Vor allem kein so handlungsarmes und dann doch so zutiefst dramatisches und emotionales Werk.
Es geht ja – wieder einmal – um ein zentrales Thema, die Unmöglichkeit von Liebe in einem diktatorischen System und den Versuch, dieses System aufzubrechen.
Dabei ist wichtig, dass keine romantische Liebesgeschichte erzählt wird. Es geht vielmehr um einen universellen Begriff von Liebe, es geht um Selbstermächtigung und Freiheit. Zwischen Heliane und dem Fremden entwickelt sich kein sexuelles Verhältnis, denn das Begehren des Fremden weist Heliane entschieden zurück. Sie liebt vielmehr seine Sprache, seinen Feinsinn, schätzt seine politischen Ideale und will diese weitertragen. Dass sie sich nackt auszieht, tut sie nur für ihn, sie selbst empfindet dabei keinerlei erotischen Kitzel. Das finde ich total wichtig, denn sonst bleibt das Ganze in einer süßlich erotischen Liebesgeschichte stecken, wird sogar gefährlich unscharf, als hätte die Frau am Ende ja doch den Übergriff, die Grenzüberschreitung des Fremden „herbeigesehnt“.
Der Herrscher will die Begegnung des Fremden mit seiner nackten Frau unbedingt ins Sexuelle ziehen und damit das Universale dieser Begegnung reduzieren.
Genau. Offensichtlich hat Heliane sich ihrem Mann sexuell komplett verweigert. Entsprechend gekränkt, versucht dieser nun, die Nähe der beiden auszunutzen, um seine Frau körperlich zu besitzen und damit endlich zu dominieren.
Heliane ist die einzige der Figuren im Stück, die einen Namen trägt. Der Zusammenhang mit Helios, dem Licht der Sonne, scheint mir offensichtlich.
Sie ist auch die Einzige, die eine Zukunft hat. Der Fremde bringt sich selbst um, aus der fixen Idee heraus, Heliane damit vor dem Tod zu bewahren. Alle anderen Figuren sind zunächst bloße Funktionsträger:innen in einem System, das stagniert, das sich längst totgelaufen hat, inklusive ihres Regenten. In unserer Inszenierung spielt das Stück in naher Zukunft, in der man sich unter der Erde verschanzt, um sich vor Hitze, Dürre und den Folgen der Kriege draußen zu schützen. Wasser ist ein rares Gut und spielt eine große Rolle, wenn die dürstende Menge im letzten Akt ins Gefängnis des Fremden eindringt, dort den perfiden Schauprozess gegen Heliane durchlebt, um am Ende von ihr in die Freiheit geführt zu werden – aber eben nicht auf die Art, wie es Männer Jahrtausende lang gemacht haben. Heliane führt die Menschen nicht, sondern eröffnet durch ihr Vorbild, ihre Konsequenz und ihre Empathie einen neuen Raum, der alle wieder frei atmen und handeln lässt.
Wo findet man in so einem morbiden, sehnsuchtsvollen, symbolistischen Seelenstück die Brücke zu unserer Zeit?
Das Drama ist krude, aber wirkungsvoll. Erich Wolfgang Korngold hat zum Libretto von Hans Müller-Einigen eine überbordende, ekstatische Musik mit extrem anspruchsvollen Gesangsstimmen erfunden. Der Text ist zwar stellenweise schwül, aber beschreibt klar und wortgewaltig, was die Figuren empfinden. Dieser Opulenz versuchen wir szenisch eine kristalline Klarheit und Schärfe entgegensetzen. Die Musik tobt sich aus, während es auf der Szene still, präzise und dann auch brutal zugeht. Korngolds Musik lädt am Ende auch gar nicht zum Bad im Wohlklang ein, dazu ist sie zu grell und heftig. Sie ist bombastisch, sie schreit. Frieden, Harmonie und Leichtigkeit sind ihr abhandengekommen – ebenso wie der repressiven Diktatur, von der sie erzählt, einem neo-faschistisch-religiösen System, das auf Gewalt und Unterdrückung basiert. Der Fremde will diese hermetische Welt sprengen – und spricht Heliane damit aus der Seele.
Ist dieser Fremde eine Art säkularisierte Jesusfigur?
Durchaus. Einer, der die Menschen liebt und das Vertrauen in Gott verloren hat. Es gibt einen Punkt, an dem er mit dem „ungeglaubten Gott“ hadert. Auch der Herrscher führt ein Selbstgespräch mit Gott, über den er sich längst erhoben hat. Gott gibt beiden keine Antworten mehr. Jesus Christus wollte die Menschen befreien und erfand das Prinzip der Nächstenliebe. Auch der Fremde ist kein bloßer Schwärmer und Träumer, sondern spricht eindringlich von einer besseren Welt, um die Menschen aus ihrer Dumpfheit aufzuwecken.
Noch ein Wort zur Ausstattung. Es wird sicher kein Endzeitstück in morbiden Hans-Makart-Dekorationen. Welche Bildsprache findet Katja Hass für dieses Stück?
Wir haben gemeinsam nach einem hellen, klinisch reinen Raum gesucht. Ein Gefängnis unter der Erde, eine cleane Katakombe, ein gefliestes Bad, aus dessen Becken das kostbare Wasser längst abgelaufen ist.
Sie erarbeiten gerade Ihre erste Inszenierung an der Essener Oper. Aber Ihre Geschichte mit dem Aalto-Theater ist älter.
Während meines Regie-Studiums in Hamburg hat mich mein damaliger Dramaturgie-Professor Wolfgang Willaschek mit dem Regisseur Johannes Schaaf verbunden. Ihm habe ich erstmals dann 1998 bei W.A. Mozarts „Cosí fan tutte“ am AaltoTheater assistiert, das war der Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit. Das Aalto war damals unglaublich „heiß“, hier brannte die Luft, hier arbeitete ein Regie-Berserker nach dem anderen: Peter Konwitschny, Dietrich Hilsdorf, Tilman Knabe, der junge Stefan Herheim – interessanterweise keine einzige Regisseurin. Das ist jetzt anders. Und die Freude, an diesen geschätzten Ort meiner musiktheatralen Sozialisation zurückzukehren, umso größer.
Das Wunder der Heliane | 3.10. (P), 11., 17., 23., 31.10. | Aalto-Theater Essen | 0201 812 22 00
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