Die Utopien einer besseren Welt sind verblasst, die für ein besseres Leben dagegen nicht. Ohne Optimismus geht es im Privaten eben nicht. „Das beste aller möglichen Leben“, wie Noah Haidles neues Stück betitelt ist, sollte es schon sein. Der Akzent liegt auf den Möglichkeiten. Wer allerdings als Setting für dieses beste Leben die Kleinfamilie wählt, muss ein Freund des schwarzen Humors sein. Haidle beschert seinen Protagonisten Naomi und East in ihrem längst schal gewordenen Beziehungsdasein eine unbefleckte Empfängnis: Morgens um fünf finden sie vor der Haustür ein Körbchen mit einem frisch geborenen Baby. Stephanie Schönfelds Naomi schwankt zwischen Emphase, Babysprache und koketter Beziehungsarbeit, der sich Marcus Staab als East im blauen Anzug mit der üblichen Ausrede widersetzt: Falscher Zeitpunkt – nur um dann dem Baby Hip-Hop vorzutanzen. Es ist ein emotionaler Schüttelkurs, den Haidle seinem Paar kurz gönnt, bevor er es durch ein surreales Experiment jagt. Denn das Baby mit Namen Christopher wächst im Zeitraffer und durchlebt ein ganzes Menschenleben in gerade einmal zwei Stunden. Bereits im Körbchen beginnt es zu tanzen und zu sprechen. Eine elektronische Babystimme quäkt aus dem Off der Essener Casa und versucht, die Wahleltern zu manipulieren.
Regisseur Thomas Krupa verortet das Geschehen in einem orangeroten Bühnenkasten, aus dem nur eine kleine Schiebetür herausführt und dessen Decke mit jedem Wachstumsschub ein Stück herunterfährt. Stefan Diekmanns Christopher ist ein altgewordenes Kind: schwarze Kniehosen (Kostüme: Johanna Denzel), lange Haare, Lackschuhe. Altklug führt er einen Gottesbeweis oder schwadroniert über die Liebe. Die Alterslosigkeit, die elektronischen Sounds und die Emotionslosigkeit der Figur rücken die Figur in Sphären der Science Fiction. Bei Haidle ist Christopher dagegen ein nackter Mensch mit Windel, eine persiflierte Ecce-Homo-Figur, die nach den Möglichkeiten von Glück, Sinn und Empathie fragt. Sein Entwicklungsexpress führt ihn durch alle menschlichen Höhen und Niederungen: Er liebt seine Eltern und vergewaltigt sie, spielt Chopin, nimmt Drogen und bekehrt sich zu Gott. Haidles pointensatter Text ist anspielungsreich, sein Sarkasmus trifft die Familie genauso wie idealistische Erziehungsmaximen, die Vergötzung von Kindern, amerikanische Bekehrungsgeschichten und letztlich alle Instant-Sinnangebote. Es sind Naomi und Easts ständige Streits, die so etwas wie Struktur schaffen. Das leere Ritual des Alltags als Sedativ angesichts der Sinnlosigkeit? Krupas Uraufführungs-Inszenierung tunt das Stück formalistisch ins Groteske hoch und nimmt damit brutalen Stellen wie der Vergewaltigung ihre Drastik. Das funktioniert trotzdem erstaunlich gut, auch wenn man sich manches bedrängender vorstellen kann. Wenn Christopher schließlich an Altersschwäche stirbt, fährt die Decke fast vollends herunter: Der Raum der Möglichkeiten ist ausgeschöpft – glücklicher sind wir immer noch nicht.
„Das beste aller möglichen Leben“ | R: Thomas Krupa | Fr 13.11., Sa 14.11. 19 Uhr | Schauspiel Essen | 0201 812 22 00
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