„Metalloid“
Foto: Birgit Hupfeld

Extra hart

30. Mai 2012

„Metalloid“ am Schauspiel Dortmund - Theater Ruhr 06/12

Wenn in der Kunst etwas mit dem Attribut „Krawall“ versehen wird, ist das selten schmeichelhaft gemeint. Regisseur Axel Holst allerdings legt es direkt darauf an. Wer sich seine neueste Inszenierung „Metalloid“ im Studio des Dortmunder Schauspiels ansehen möchte, der bekommt am Eingang zunächst einmal ein Paar Ohrstöpsel in die Hand gedrückt und wird explizit mit Schildern gewarnt, das Stück enthalte „sehr laute Passagen“.

Die Warnung ist durchaus ernst zu nehmen. Spätestens wenn Andreas Beck den Winkelschleifer anwirft und mit der Schruppscheibe ein Stahlblech traktiert, ist das Gehör akut bedroht. Holst präsentiert mit seinen vier Darstellern „extra hart arbeitendes Material“. So lautet auch der Untertitel seines „musikalischen Abends über Industrial“. Soweit ließe sich noch Ironie vermuten hinter der Hommage an den mittlerweile historischen (Geräusch-)Musikstil aus den 1970ern und 80ern. Doch „Metalloid“ ist, ganz im Gegenteil, eine ziemlich düstere Angelegenheit. Nicht gerade ein wirkliches Theaterstück, eher eine Lyrik-Performance mit lauter bis extrem lauter Geräuschmusik. Alles in allem eine Angelegenheit, die einen sehr speziellen Geschmack und auch ein großes Maß an Leidensfähigkeit abverlangt.

So belässt es die Regie etwa nicht bei Gottfried Benns verstörend nüchterner Beschreibung der „Krebsbaracke“, sondern lässt Uwe Schmieder durch ein Megafon hindurch rezitieren, immer wieder unterbrochen von unangenehmem Feedback-Pfeifen. Ganz im Sinne der ursprünglichen Industrial-Bewegung, die einige Berührungspunkte mit dem Punk aufwies, wird die Provokation an die Grenze des Erträglichen getrieben.

Holst hat die Gedichte und Liedtexte (etwa von Blixa Bargeld) nach „Instinkt“ ausgewählt mit dem zentralen Auswahlkriterium des Tabubruchs. So gelangte etwa auch Goethes lange allzu gern missverstandenes Vergewaltigungspoem „Roeschen auf der Heide“ in die „Playlist“ oder – als weitaus ältester Text – Andreas Gryphius‘ „Threnen des Vaterlandes“ von 1636. Ihnen gegenüber steht immer wieder Heiner Müller.

Es scheint kaum möglich, eine abschließende Deutung dieser Collage zu liefern. Darauf ist die Performance nicht ausgelegt. Wer den Angriff auf seine Ohren auf sich nimmt und sich auf die Texte einlässt, hat alle Freiheit, sich seine eigene Auslegung zu erschaffen.

„Metalloid“ I Do 7.6. 18 Uhr I Theater Dortmund I 0231 502 72 22


KARSTEN MARK

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