Auch ein Familien-Inferno beginnt mit kleiner Flamme. Das Feuer im Haus muss erst einmal geschürt werden, auch wenn die Balken längst verkohlt sind. In der Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhundert war das nicht anders. Nur hatte das damals noch niemand im Theater gezeigt. Auf der leeren Bochumer Bühne treffen sich zwei alte Schulkameraden wieder. Sie waren einst Teil einer Gruppe, die Veränderung wollte. Einer ging für seine Ideale ins Gefängnis, der andere heiratete reich ein. Der Konflikt ist programmiert. Doch wie schlimm es zugeht, kann da noch niemand wissen. Bei der Uraufführung liefen die Zuschauer damals jedenfalls Sturm. Anselm Weber inszeniert Gerhart Hauptmanns Sozialdrama „Vor Sonnenaufgang" behutsam in eine mögliche Jetztzeit.
Dietmar Bär spielt den aufgeblasenen Ingenieur Hoffmann, der mit Kohle Kohle macht und das ohne Rücksicht auf Verluste unter den Bergarbeitern. Sein Schulfreund Alfred Loth findet das gar nicht amüsant, er will die Vorfälle in den Zechen untersuchen. Dass Hoffmann der Bösewicht ist, wusste er wohl nicht – zwei Ideale prallen aufeinander. Soziale Verantwortung und Geldgier. Hoffman kam einst in die schlesische Provinz und heiratete die Tochter des Bauern Krause, der reich wurde, weil auf seinem kargen Landgut Kohle gefunden wurde. Die Familie ist marode bis in die letzte Zelle. Bauer Krause sitzt nur noch in der Dorfschänke, säuft und randaliert. Wenn er nach Hause kommt, steigt das Arschloch (super: Claus Dieter Clausnitzer) seiner Tochter Helene nach, und das seit ihrer Kindheit. In die verliebt sich der aufrechte Loth, sie fühlt sich vom Intellekt des Asketen angezogen („Ich habe gar nichts in mir, ich weiß nicht mal, was das ist, Grundsätze“). Doch die Liebe zwischen Hummern und Champagner, zwischen Dekadenz und sterbenden Arbeiten hat keine Zukunft. Denn auch in Bezug auf Frauen hat Loth seine (ziemlich merkwürdigen) Grundsätze.
Weber inszeniert locker mit seinem Staraufgebot. Ist die Bühne anfangs noch leer, fällt beim ersten Frühstücks-Gelage ein transparentes Partyzelt aus dem Bühnendach. Doch die ewige Party endet im Chaos: Helene bringt sich um, und ihr Vater schändet besoffen ihre Leiche. Die Sonne lässt auch in dieser sehenswerten Inszenierung auf sich warten.
„Vor Sonnenaufgang“ I So 1.7. 17 Uhr I Schauspielhaus Bochum I 0234 33 33 55 55
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