Das Fremde lockt und fasziniert – aber offenbar nur, wenn es die Art Fremdheit ist, die gerade im Trend liegt. Vor leider nur einer handvoll Leuten las die indische Erfolgsautorin Geetanjali Shree aus ihrem Roman „Unsere Stadt in jenem Jahr“ im Bahnhof Langendreer – dabei war der literarische Ausflug in jene fiktive Stadt in Indien spannend, erzählerisch faszinierend und trotz der geographischen Entfernung brandaktuell und lehrreich.
Der Roman handelt vom Konflikt zwischen Moslems und Hindus, der sich ausgehend von der Zerstörung einer Moschee durch indische Nationalisten verschärft und eskaliert. Und hier ist schon die erste Stolperfalle, in die man erfrischenderweise tappt: Nein, es sind nicht die Islamisten, die hier im Fokus der literarischen Kritik stehen, sondern die Hindu-Nationalisten. Hinduismus? War das nicht jene friedfertige Religion der Asketen, im popkulturellen Kosmos eher New-Wave als Nationalismus? Freilich, das sind die westlichen Mythen um diese vielseitige Weltreligion, aber der Hindu-Nationalismus war in den 90ern tatsächlich ein Problem und ist es bis heute, wie die Autorin berichtete. Die Schändung der Moschee im Roman basiert übrigens auf der realen Zerstörung der Babri-Moschee im nordindischen Ayodhya, im Jahre 1992.
Ein gutes Setting für einen Polit-Thriller, doch Shree schlägt einen anderen Weg ein: In Anlehnung an indische Klassiker wählt sie eine literarische Form, in der die Erzählerin nur wenig über die erzählte Welt weiß, vielmehr entsteht sie erst im Zuge der Narration. Shree beschreibt dieses literarische Stilmittel – passend zum Inhalt – mit dem Bild einer Explosion: „Die Schreiberin versteht nicht, was sie erzählt: Sie findet Bruchstücke, setzt sie zusammen und niemand weiß, wie es sich entwickeln wird“, erklärte die Autorin.
„Unsere Stadt in jenem Jahr“ ist aber nicht bloß literarische Darstellung eines politischen Konflikts: Shree zeichnet die feinen Äderchen nach, über die die Ideologie in unser Herz gepumpt wird, sie stellt dar, wie die Polarisierung in der Gesellschaft irgendwann auch zu einer Polarisierung im Privatleben führt. „Wir formulieren unsere Sätze, als ob es nur zwei Identitäten gäbe: grün oder orange“, heißt es im Roman.
Spannend ist, dass das Werk diese Polarisierung nicht mitmacht: Die drei Hauptschauplätze sind das private Heim, ein Hindu-Tempel und die Universität – der Gegensatz von Religion und Vernunft wird hier analysiert, nicht der konstruierte Gegensatz zweier Religionen. „Es ging mir auch nicht um eine sorgfältige Ausbalancierung“, erklärte die Autorin. Was sie dadurch schafft, ist mehr als die Darstellung eines bestimmten Konflikts – sie deckt ganz alllgemeine Mechanismen von Ideologie und Macht auf: In einer Stelle des Romans montiert sie das nationalistische Gezeter im Hindu-Tempel parallel zu den Seminarstunden in der Universität, und alles mündet in der Frage: „Unterscheiden sich beide Seiten nur dadurch, dass die einen aus den gleichen Bestandteilen Aussagesätze bilden, und die anderen Fragen?“
Religiöser Extremismus fördert nationalistischen Wahn – diese inzestuöse Verbindung gibt es nicht nur in Shrees 1998 erschienenen Roman, wir können sie hier und heute, direkt vor Ort beobachten – dass uns diese Prozesse in einem indischen Roman, geschrieben vor mehr als einem Jahrzehnt, wieder begegnen, machen sie nur umso auffälliger. Und eben das ist ja das Lehrreiche am „Fremden“ – jenes Fremde, von dem wir wirklich wenig wissen, nicht jenes wohlportioneirte Fremde, dass uns als solches vorgesetzt wird: wir erkennen, wie gleich doch vieles im Kern ist. Im Fall von Shrees Roman und unserer derzeitigen Situation ist es der Wahn um Identität, der immer der gleiche bleibt, ob Pegida oder Daesch (IS), ob Hindu-Nationalismus oder andere Irrwege. Ihre Stadt in jenem Jahr ist auch unsere, jetzt und heute.
Shrees Antwort darauf ist ein klares Bekenntniss zum Pluralismus. Und ein weiser Satz, den man sich auch hier zu Herzen nehmen sollte: „Der Mehrheits-Fundamentalismus ist gefährlicher, als es der Fundamentalismus der Minderheiten seien kann.“
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