„Hiob“
Foto: Thilo Beu

Gefühlsneutral im Labyrinth

29. November 2012

Wolfgang Engel inszeniert in Essen Joseph Roths „Hiob“ – Theater Ruhr 12/12

Seine Liebe zu Gott ist unerschütterlich. Mendel Singer, jüdischer Dorfschullehrerin einem russischen Schtetl vor gut 100 Jahren, glaubt das zumindest. In Wahrheit ist es wohl eher ein strammer religiöser Gehorsam, den er für Liebe hält. In seiner eigenen Familie ist jedenfalls nichts von Nächstenliebe oder Mitgefühlzuspüren. Die Existenz des jüngsten Sohns Menuchim wird von allen als Gottesstrafe empfunden, weil er als Epileptiker zur Welt gekommen ist. Die eifersüchtigen Geschwister quälen ihn, und die Mutter umsorgt das Kind zunächst eher aus Pflichtgefühl. Dass dieser erste in einer ganzen Reihe von Schicksalsschlägen, die Singer ereilen soll, in Wahrheit die göttliche Offenbarung birgt, wird der fromme Lehrer erst viele Jahre später am anderen Ende der Welt erfahren.

„Hiob“ heißt der Roman, in dem die alttestamentarische Geschichte des Leidgeprüften von Joseph Roth neu erzählt wird. 1930 ist er erschienen, fast 80 Jahre später schuf der belgische Dramaturg Koen Tachelet neben einem Drehbuch für einen Fernsehfilm auch eine Bühnenversion. Wolfgang Engel hat sie nun am Essener Grillo-Theater inszeniert. Engel geht recht kühl an diesen Stoff heran. Das erscheint naheliegend bei dem herzlosen Milieu, in dem Mendel Singer seinen Kindern die rechte Gottesfurcht auch schon mal mit dem Lederriemen einbläut. Andreas Jander hat ein Bühnenlabyrinth aus weißen, glatten Quadern gebaut, in dem die Figuren meist als Einzelne agieren, auch wenn sie zusammen sprechen. Die Idee hat durchaus ihren Reiz, trägt aber nicht über zweieinhalb Stunden. So erwächst aus der kalkulierten Kühle schnell Tristesse, an der aber auch die Darsteller ihren Anteil haben.

Tom Gerber gibt einen eigentümlich gefühlsneutralen Mendel, dem man das Familienoberhaupt am Rande der Verzweiflung nicht abnimmt. Auch seine älteren Söhne, gespielt von Tobias Roth und Jens Ochslast, treten nicht als profilierte Persönlichkeiten auf. Die Männer sorgen so zum großen Teil dafür, dass die Essener Inszenierung weniger wie ein vollwertiges Stück als wie ein szenisch illustrierter Textvortrag wirkt. Emotionale Tiefe gesteht die Regie nur Bettina Schmidt als Mutter zu.

„Hiob“ von Joseph Roth | R: Wolfgang Engel | Mi 26.12. 19.30 Uhr | Grillo Theater, Essen | 0201 8 12 22 00 | www.schauspiel-essen.de

KARSTEN MARK

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