„Das Fleischwerk“ mit Daniel Rabanta und Minna Wündrich
Foto: Arno Declair

Gehhilfen für einen simplen Plot

24. September 2015

Uraufführung von „Das Fleischwerk“ in Bochum – Theater Ruhr 10/15

Ohne Wanderarbeiter, die sich temporär in den deutschen Arbeitsmarkt einklinken, wäre die deutsche Wirtschaft nicht nur aufgeschmissen. Die durch das Lohndumping erzielten Gewinne wären auch erheblich schmaler. Vor allem in den Schlachtbetrieben. Der Autor Christoph Nußbaumeder hat sich in seinem neuen Stück „Das Fleischwerk“ dieses Themas angenommen. Im Mittelpunkt steht allerdings der Viehfahrer Rabanta, der wegen Totschlags an seiner Frau sieben Jahre im Knast war und nun Schweine ins Schlachthaus transportiert. In der Bochumer Uraufführung gibt Bernd Rademacher den schicksalsergebenen Underdog in Trainingsklamotten, der in seinem lieblosen Zuhause mit Sofa, Kühlschrank und Stehlampe einfach nur in Ruhe gelassen werden will. Vor allem nachdem bei ihm auch noch Krebs diagnostiziert wird. Doch als ihm die junge Susanna (Minna Wündrich) vor den Kühler läuft, quartiert er sie bei sich zuhause ein. Sie ist handfest, ein bisschen ruppig, aber gerade heraus und sucht wütend nach dem Mörder ihres Mannes Andrej, der in der Schlachtfabrik zu Tode gekommen ist. Und damit beginnen die Probleme des Stücks.

Christoph Nußbaumeder gilt als Sozialdramatiker in der Tradition von Horvàth und Fleißer – und Brecht. Die Szenen in seinem „Fleischwerk“ tragen Überschriften wie „Der Mindestlohn – Im Fleischwerk I“, es werden ironisierende Prosatexte über den Geruch von Schweinen, Wanderarbeiter oder den aufständischen Spartacus dazwischengeschaltet. Der Plot springt zwischen den Zeitebenen hin und her. Mal sieht man die wilde Suche von Susanna, dann ihren noch lebenden Mann Andrei. Das ist kein Hindernis fürs Verständnis, wirkt aber wie eine allzu offensichtliche Gehhilfe für den wenig ausbalancierten und auch simplen Plot. Nicht nur schiebt die Rabanta-Geschichte das eigentliche Thema der Wanderarbeiter an die Seite. Die Figur des Andrej, der gegen die Verweigerung des Mindestlohns und bezahlter Überstunden protestiert, bleibt erstaunlich konturlos. So sehr Martin Kelle ihn als argumentierenden Rebell spielt, der über Massenstreiks, aber auch die Thraker reden oder liebevoll mit seiner Frau skypen kann – er ist Klischee, genauso wie der Vorarbeiter Georgi (bei Matthias Eberle ein aufgeputschter Lautsprecher) oder die naive Valentina (Veronika Nickl), die Andrei verrät und schließlich im Puff landet.

Glaubhafter wirkt da schon der iranischstämmige Subunternehmer Akif, der nicht nur seine Arbeiter ausbeutet, Frauen auf den Strich schickt, sondern Andrei in der Betäubungsanlage des Betriebs umbringt. Roland Bayer spielt ihn fast etwas zu vertrauenerweckend leutselig. Regisseur Robert Schuster lässt zwar mit viel Emphase spielen, lässt schwarz gekleidete Statisten pantomimisch mit Schweinehaut und -kopf auftreten, projiziert Videobilder auf den beweglichen Lamellenvorhang, durch den immer wieder zwei Fließbandtische und das auf Paletten aufgebaute Heim von Rabanta hereinrollen (Ausstattung: Sascha Gross) – doch der Abend wirkt in seiner leeren Mechanik merkwürdig seelenlos, wie aus der Inszenierungsfabrik des Stadttheaters.

„Das Fleischwerk“ | R: Robert Schuster | 4. (19 Uhr), 10., 29.10., 19.30 Uhr | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55

Hans-Christoph Zimmermann

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