Foto: Tobias Kruse / Ostkreuz

Genitale Spurverbreiterung

31. Januar 2019

Michel Houllebecqs „Plattform“ und „Unterwerfung“ als Doppelabend – Theater Ruhr 02/19

Irgendwer muss einen ganzen Container im Bochumer Bühnenhimmel geleert haben. Mit Karacho knallt der Sperrmüll eines mittelgroßen Mehrfamilienhauses auf die Bochumer Theater-Bretter und doch, natürlich sind es die von radikalen Islamisten gesprengten Reste eines thailändischen Urlaubsresorts mit Massagesalon, der für den eigentlichen Erfolg des Hauses verantwortlich war.

Bochums neuer Intendant Johan Simons hat aus den Michel Houllebecq-Romanen „Plattform“ (2001) und „Unterwerfung“ (2015) einen Doppelabend gemacht, der in beiden Fällen den Niedergang des westlichen Humanismus und den scheinbar damit verbundenen Aufstieg der Islamisten thematisiert, mittendrin der systemübergreifende Patriarchismus in all seinen Facetten. Amüsant, böse, aber auch wirklich satirisch? Zumindest bei der dystopischen „Unterwerfung“ wird das kontrovers diskutiert und noch gilt: Wir leben in einem System in dem es unmöglich ist zu leben – und wir exportieren es. Genau. Deshalb ist der AttentäterYassin (Lukas von der Lühe) auch allgegenwärtig.

Johan Simons inszeniert die beiden Stücke wie zwei Performances in einem Kulturtempel. Im Hintergrund die rote Glühbirnenwand mit Portraitstudien, im Vordergrund viel Choreografie durch die Müllhalde. Zynisch wird´s allemal und so müssen die Personen brillant gezeichnet sein, allen voran Stefan Hunstein als Dauernot-Loverboy und scheinbar ausgebrannterKultur-Beamter Michel, später auch vom Islam überrumpelter Literaturprofessor François. Sein perfekter Widerpart als hier und da Geliebte Myriam und Valérie ist die überzeugende Karin Moog, die ihre Liebhaber immer im Griff zu haben scheint. Verstörend gut auch Mercy Dorcas Otieno als gewalttätige Audrey und in „Unterwerfung“ Mourade Zeguendi als Islamic-Bittersweat-Rector.

Das alles geht schnurstracks in fünf Stunden (incl. einer Stunde Pause) über die Bühne, fällt aber am Ende etwas in sich zusammen, da hilft auch viel nackte Haut und „A Day in the Life“ von den Beatles nicht mehr.Houllebecqs Dystopie (?) ist als Roman und als Gedankenspiel stärker. Dennoch ist der Abend ein Gewinn für Bochum.

„Plattform / Unterwerfung“ | R: Johan Simons | 7.2. 20 Uhr („Plattform“), 8.2. 20 Uhr („Unterwerfung“), 17.2. 16 Uhr (Doppelvorstellung) | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55

PETER ORTMANN

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