Wenn vom Himmel die Lumpen fallen, müssen sich die Lumpen auf Erden darum streiten. Und mitten im Kleiderhaufen steht dann die Leiter zum Glück. Eigentlich fehlten nur noch Sägespäne. Die serbische Jungregisseurin Ana Tomovic inszeniert am Theater Oberhausen „Romeo und Julia“ quasi direkt auf der Müllhalde. Eine Balkangeschichte sollte es werden, doch in den Schluchten des Balkan tobt nicht der Bandenkrieg mit Schut, sondern wuseln die clownesken Familienclans, die laut Shakespeare nicht einmal wissen, warum sie sich hassen. So richtig gehasst haben sie sich in Oberhausen auch eigentlich gar nicht, es ist mehr so ein Scharmützel um die besten Müllreste, von denen die Capulets reich geworden sind, und deshalb ihre Tochter Julia (Angela Falkenhan) am liebsten dem Grafen Paris vermachen wollen.
Von einer Knospe zur nächsten
Romeo (Björn Gabriel) kämpft derweil noch mit seinem Herzschmerz über die unerfüllte Liebe zu Rosalind, dem schönsten Weib, das die Sonne je gesehen habe. Zur Ablenkung schleichen sich seine Kumpel (ausgezeichnet hier Jürgen Sarkiss als Mercutio) mit ihm beim Capulet-Maskenball heimlich ein, nur erkannt von Julias streitbarem Neffen Tybalt (Martin Hohner). Doch da ist es schon zu spät, das Paar hat schon die Witterung aufgenommen, die unvermeidliche Rutschpartie der beiden Liebenden ins kalte Grab beginnt, unbeeindruckt vom Lumpengesindel, das schon den Gräfinnentitel wittert. Rosalind ist da längst Geschichte, so ist das heute eben. Tomovic bedient nun immer häufiger die Groteske, verzichtet auf spektakuläre Gefechte, auch der eher unscheinbare Soundteppich beschleunigt die Dramaturgie der Handlung eher selten. Irgendwie entsteht der Eindruck, die Handlung sei nur Nebensache. Kurz vor der Pause werden dann noch en passant geheiratet und die beiden ersten Morde auf beiden Seiten begangen, so dass die zweite Halbzeit ganz im Zeichen des Leidens stehen kann.
Julia ist tot, warum auch immer
Die beginnt dann auch noch fröhlich auf dem wachsenden Müllberg, bis die Amme (sehr merkwürdig gespielt von Karin Kettling) die Botschaft vom Tod des Neffen durch die Hand Romeos und die Verbannung des frisch Getrauten bringt. Das Lieben, das geboren ist, wird Schmerz. Und Zeit zur Besinnung bleibt Julia nicht, ihr Vater drängt auf die Vermählung mit dem Grafen. Widerspruch dulden die neureichen Eltern nicht, mit üblen Beschimpfungen jagen sie die unwillige Tochter durch den imaginären „Rattenkäfig“ (O-Ton Tomovic). Es kommt, wie es kommen soll, der Mönch Lorenzo hilft mit Totenstarre-Droge, Romeo wird aus der Verbannung gerufen, doch die vom Vater Julias vorverlegte Hochzeit bringt den Zeitplan durcheinander. Als Julia in der Gruft wieder erwacht, hat ihr Geliebter bereits den anwesenden Grafen gekillt, sein Gift ohne Wiederkehr geschluckt, sie stirbt (warum in Oberhausen auch immer) auch. Fertig. Shakespeare ist Genüge getan. Die ewige Liebeslegende beginnt.
Hängen bleiben die fallenden Lumpen
Eigentlich hatte die Idee der Balkangeschichte nach Oberhausen gelockt. Shakespeare-Stücke sind immer auch Spielplätze für ausgefallene Inszenierungen. Der erste Blick auf die fallenden Lumpen, der clowneske Einstieg, all das gefiel. Doch die Arbeit insgesamt bleibt ausgesprochen farblos, trotz vieler bunter Slapstick-Einlagen und derbem Wortwitz. Das Bühnenbild mit ständig fallenden Kleidungsstücken wirkt nach kurzer Zeit abgenutzt, die Weite der großen Bühne zu leer für jeden langen Abgang. Eine neue Deutung ist diese eher beiläufig erzählte Liebesgeschichte nicht, für Interpretationssturm beim Zentral-Abitur wird sie reichen. Hängen bleiben werden nur die fallenden Lumpen, und die gibt es natürlich nicht nur auf dem Balkan.
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