It'a a long way to the top

01. August 2009

Oder: Von Zweien, die auszogen, das Schreiben zu lernen - Literatur-Portrait 08/09

960 km liegen zwischen Witten und Klagenfurt – eigentlich nicht die Welt, doch für Autoren stellt der Ort am Wörthersee im Sommer ein Reiseziel der besonderen Art dar: Alljährlich wird hier vor Fernsehpublikum um die Wette gelesen, winkt der Bachmannpreis mit Renommee und 25.000 Euro Preisgeld. Im Schatten des wohl angesehensten deutschsprachigen Literaturpreises hat sich ein kreatives Pflänzchen etabliert, das der Förderung des Nachwuchses dient: Bereits zum 13. Mal fand in diesem Jahr der Klagenfurter Literaturkurs statt, ein Workshop, der bisweilen als „Trüffelschwein der Literaturszene“ bezeichnet wird: Viele der früheren Stipendiaten haben in den darauffolgenden Jahren ihren Weg in große Verlage gefunden und kamen zurück, um für den „großen“ Bachmannpreis ins Rennen zu gehen. In diesem Jahr haben die Trüffelschweine der Jury gleich zwei Ruhrgebietsautoren ausgegraben: Ivette Vivien Kunkel aus Witten und Mirko Kussin aus Dortmund zählen zu den neun Stipendiaten. Bemerkenswert ist diese Auswahl auch deshalb, weil die beiden zwar schon häufig gemeinsam auf der Bühne standen – sich aber nicht gemeinsam beworben haben. Beide schicken bereits seit Jahren Bewerbungen nach Klagenfurt und natürlich stehen sie miteinander in engem Austausch. Ivette Vivien: „Ich habe den Anruf aus Klagenfurt bekommen und sofort, nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, versucht, Mirko anzurufen. Aber bei ihm war besetzt. Wie sich herausstellte, telefonierte er in diesem Moment mit Österreich.“

Was bringt der LesArt-Preis?

Sowohl die 1979 in Dortmund geborene Ivette Vivien wie auch der 1974 in Recklinghausen geborene Mirko Kussin sind in der Literaturszene des Ruhrgebietes keine Unbekannten. Beide haben neben vielen anderen Auszeichnungen den Dortmunder „LesArt-Preis für junge Autoren“ (2004 bzw. 2003) gewonnen, dessen Wirkung sie jedoch durchaus nüchtern betrachten: „Der LesArt-Preis war schön, weil es meine erste literarische Auszeichnung war“, blickt Mirko Kussin zurück, „Preise tun dem Schriftstellerego immer gut. Dass die Lesungen der Nominierten an einem Sonntagnachmittag in einem VHS-Saal nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden, war eher unglücklich. Aber das ist jetzt auch schon ein paar Jahre her, und ich weiß nicht, ob es heute noch immer so ist.“
Da ist Klagenfurt doch von anderem Kaliber. Neben der intensiven Textarbeit war es vor allem das Eintauchen in den Literaturbetrieb, das beide beeindruckt hat: „Plötzlich fand man sich als Autor auf Empfängen des Bürgermeisters wieder, zwischen Politikern, Verlegern, Agenten; das war neu und schön und gab einem das tolle Gefühl dazuzugehören“, schwärmt Ivette Vivien. Auch an einer weiteren Vernetzung im Literaturbetrieb konnten die beiden knüpfen, wie Mirko Kussin resümiert: „Es ist zwar nicht so, dass man als Stipendiat dort von Agenten, Lektoren, Scouts und Verlegern umringt ist und noch vor Ort Verträge zustande kommen. Aber man kann erste persönliche Kontakte knüpfen und die sind schon Gold wert.“

Was braucht die heimische Szene?

Und wie verändert der österreichische Aufmerksamkeitsschub ihren Blick auf die heimische Szene? „Man sollte meinen, dass es für Autoren hier unendlich viele Möglichkeiten der Unterstützung und Förderung gibt. Da hier doch so viele Städte, Kulturen etc. zusammen kommen. Ich glaube aber eher, dass dem nicht so ist. Man rennt vor eine Menge Wände, und vieles verläuft sich auch einfach. Mir fehlt zum Beispiel eine Art Arbeitsstipendium Ruhrgebiet oder ein besonderer Ort für einen Stadtschreiber. Viel mehr Angebote für Jugendliche. Bei einigen städtischen Wettbewerben für Kurzgeschichten, sogar mit Geldgewinn, machen in den letzten Jahren nur 10 bis 15 Leute mit. Da läuft doch was falsch“, urteilt Ivette Vivien nicht zuletzt aus ihrer Erfahrung als Dozentin für Kreatives Schreiben und Jurorin bei Jugendliteraturwettbewerben. Auch Mirko Kussin bemängelt das Kirchturmdenken der Region: „Eigentlich sollten wir uns nicht hinter den literarischen Metropolen wie Hildesheim, Leipzig, Berlin und Hamburg verstecken müssen. Zwischen den Kohle- und Stahlbrachen tummelt sich viel literarisches Talent. Aber eine schöne, aktive und vor allen Dingen ambitionierte Szene gibt es nicht (oder ich habe sie bisher noch nicht entdecken können). Vielleicht liegt es an den vielen Gemeinden, die alle ihr eigenes Süppchen kochen wollen, dass sich nicht eine wirkliche Ruhrgebietsszene etabliert. Wenn ich mir überlege, wie viele Preise es für den Nachwuchs gibt, durchaus gut dotiert, aber mit relativ wenig Außenwirkung ... Wenn man dieses Förderinteresse bündeln könnte, zu einem großen NRW-Preis, dann würde auch das Medieninteresse ein ganz anderes sein. Ich durfte ja vor zwei Jahren beim Open Mike in Berlin lesen. Und wenn man sieht, wie dieses Event dort zelebriert wird ... da könnten wir uns im Ruhrgebiet durchaus eine Scheibe von abschneiden. Und es gibt ja bei uns eine ganze Reihe von Preisen, die, was das Preisgeld betrifft, in der gleichen Liga wie der Berliner Open Mike spielen. Aber ich glaube, dem Nachwuchs sind andere Sachen (Kontakte zum Literaturbetrieb, ein großes Publikum, Medienberichterstattung) viel wichtiger als ein großer DIN A0-Scheck, der zwar medienwirksam überreicht wird, aber dem nichts folgt.“

Ein Dach für die Literatur?

Nun könnte man meinen, dass ein Literaturhaus Ruhrgebiet, wie es immer wieder gefordert wird und aktuell im Bochumer Viktoriaquartier im Gespräch ist, den Wünschen der Autoren entgegenkäme. Grundsätzlich begrüßen beide die Idee eines literarischen Zentrums des Reviers, doch ihre konkreten Vorstellungen weichen von den diskutierten Konzepten ab: Statt europäischer Ausrichtung befürworten sie Basisarbeit: „Förderung von Nachwuchsautoren, Lesungen von unbekannteren Autoren, Stipendien, Möglichkeiten der Zusammenarbeit von etablierten und neuen Autoren, spannende Workshops“, wünscht sich Ivette Vivien und fragt zweifelnd, „ob es dafür ein Literaturhaus braucht.“ Sie befürchtet, dass hinter der Fassade des Prestige- Objektes die Interessen der Autoren verkümmern. Ihr Kollege hingegen sieht – mit Einschränkungen – durchaus Chancen in einem solchen Haus: „Ein Literaturhaus Ruhr wäre dann gut, wenn es eben das machen würde, was ich vermisse: eine Vernetzung der Autoren, eine sinnvolle Förderung von (begabten) Autoren, eine Bündelung aller Kommunen. Wenn man mit geschwellter Brust und erhobenen Kopfes an so eine Sache rangeht und sich entsprechend positioniert, ist es bestimmt sinnvoll. Aber ob es möglich ist, die verschiedenen Institutionen und Kommunen davon zu überzeugen, gebündelt den literarischen Nachwuchs zu fördern, wage ich zu bezweifeln. Wenn dies nicht passiert, ist das neue Literaturhaus Ruhr ein weiteres Literaturhaus in einer Region, in der dann doch wieder jeder sein eigenes Süppchen kocht.“

FRANK SCHORNECK

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