Prozess gegen Identitäts-Schwindlerin
Foto: Christine Miess

Lässt sich Identität stehlen?

19. Juni 2023

„Justitia! Identity Cases“ beim Impulse Festival – Bühne 06/23

Auch für eine linke Identitätspolitik gilt wohl, dass sie irgendwann ihre eigenen Kinder frisst. Das erfährt zumindest die indigene Aktivistin Icnoyotl Gonzalez, die die mexikanische Performerin Edwarda Gurrola spielt. Im Karikatur-Kostüm sitzt sie neben den anderen Podiumsgästen: der Roma-Queer-Aktivistin Jelena Serifović (Sandra Selimović) und der Panafrikanistin Beatrice Lincoln (Mariama Nzinga Diallo). Vorgestellt wird das Trio in aalglatter Moderatoren-Manier von Performer Gin Müller, der diese Performance „Justitia! Identity Cases“ konzipierte und initiierte.

Gefundenes Fressen

Die drei diskutieren über die Rollenzuweisungen in Gerichtsprozessen, die wie ein Schauspiel ablaufen, inszeniert von einer weißen Hegemonie. So beginnt zumindest dieser 90-minütige Abend im im FFT Düsseldorf im Rahmen des Impulse Festival. Bis Serifović mitten im Podiumsgespräch ihr Smartphone zückt, um die Wahrheit über Gonzalez zu verkünden: Ihre Eltern seien „white upper class“, sie habe sich nur aus Mitgefühl als Indigene ausgegeben. Damit platzt nicht nur die Podiumsrunde; es entbrennt auf Twitter und Co. zugleich ein Tribunal, ein Shitstorm, der über die Leinwand rollt. Während die Causa zugleich in Fake-Reportagen aufgegriffen wird: ein Spektakel, das die TV-Medien wie ein gefundenes Fressen aufschnappen.

Kluger Genre-Mix

Hat Gonzalez eine Identität gestohlen? Und vor allem: Darf sie das? Und ist die Romni Jelena Serifović wirklich so diskriminiert oder doch privilegierter, als sie sich gebärdet? Diese Überlegungen, die „Justitia! Identity Cases“, uraufgeführt im brut Wien, durchdekliniert, erinnern an Mithu Sanyals Roman „Identititti“, der wohl auch Pate stand für diese Bühnenkonzeption. Denn auch in dieser Perfomance wirft der Sturz einer vermeintlichen Schwindlerin allerlei Fragen auf, welche die Klippen einer identitätspolitischen Öffentlichkeit mit sich bringen; darunter: Können die Geschlechtergrenzen fluid und non-binär nicht formell auf die Kategorie race übertragen werden? Diese Inszenierung kommt indes zu keinem Zeitpunkt moralisch oder belehrend daher – und dass trotz der sperrigen Thesen und Theorien, die hier verhandelt werden; „Justitia! Identity Cases“ entpuppt sich als irrwitziger und kluger Genre-Mix aus Theater, Show, Gericht, Musical und Mediensatire.

Benjamin Trilling

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