Zwar springen auch in den Bochumer Kammerspielen die Meldefeuer von Berg zu Berg und künden vom Sieg der Griechen in Athen, doch zu sehen ist bei Regisseurin Lisa Nielebock mal wieder nichts. Eine mächtige Lärmschutzwand (schöne Bühne: Oliver Helf) hält die Welt fern von einem der wichtigsten Prämissenwechsel in der Menschheitsgeschichte. Von Auge um Auge zu Besitz gegen Gerechtigkeit. Trotz großen gesellschaftspolitischen Anstrengungen in der Antike, blieb die Welt ein Gefängnis, in dem niemand den Göttern entkommt. Auf der eng gewordenen Bühne zeigt dies eindringlich und wahrhaft überzeugend „Die Orestie“ von Aischylos in der wohl kaum noch zu verbessernden Übersetzung von Peter Stein.
Was ist über diese einzige Trilogie griechischer Tragödien nicht bereits alles verhandelt worden? Zwischen philosophischem Meilenstein und Aufbruch in die Neuzeit, Grundlage des europäischen Wertekanons, ja Heilsbringer – alles schon debattiert. Lisa Nielebock geht diesen Weg in Bochum – wie immer – konsequent nicht. Sie lässt deklamieren, still freudvoll, regungslos lustvoll. Die handelnden Personen geraten deshalb kaum in Bewegung, selten in Rage. Sie schneiden sich durch den langen Text, der verbraucht, anschließend geruchslos verräuchert wird. Nielebock inszeniert das alles förmlich auf eines schmalen Messers Schneide.
Am Anfang sitzen erst einmal alle apollonischen Sieben auf der kargen Bank vor der stäbigen Wand und schauen wortlos ins Nichts. Zuerst durchbricht der Wächter (Heiner Stadelmann) die Stille, steht auf, auf das Dach des Palastes, wo er auf das ersehnte feurige Siegessignal aus Troja wartet. Der Chor der Greise bleibt erst einmal brav auf dem Balken. Nach und nach, Person für Person kann dort die eigentliche Geschichte hinter der Tragödie rezipiert werden, dann tritt der siegreiche Agamemnon auf. Werner Wölbern ist ein nachdenklicher, gefasster Heerführer und König von Mykene. Vorsichtig, verschlagen kommt er daher, mit der jungen Konkubine Kassandra (Therese Dörr) im Schlepp als Kriegsbeute. Ehegattin Klytaimestra (Anke Zillich), selbst mit jungem Lover Aigisthos (Marco Massafra) unterwegs, ist „hochrot“ erfreut und versucht erst ihn zu blamieren, dann zu täuschen – nun bald wird sie ihn erschlagen, für ein bisschen Wind hat Agamemnon schließlich ihre Tochter Iphigenie geopfert. Rache ist damals oberstes Gebot. Nielebock entwickelt still die Ungeheuerlichkeiten weiter, nur kleine Gegenstände oder Kostümteile (sehr eigen: Ute Lindenberg) bezeichnen die wechselnden Rollen der Schauspieler, Requisiten im eigentlichen Sinn gibt es nicht, Licht spielt im Lauf der Inszenierung eine die Inhalte mitgestaltende Rolle, die Bühnenbildwand bleibt lange unbewegt, alle Mimen auf der Bühne.
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