Philipp Preuss
Foto: Volker Herold

Zwischen Realität und Irrsinn

20. Januar 2025

„Kein Plan (Kafkas Handy)“ am Mülheimer Theater an der Ruhr – Prolog 01/25

Ja, sind denn alle verrückt geworden? Überall sind die Rechten auf dem Vormarsch, so als hätte niemand etwas aus der Geschichte gelernt, die USA mutieren gerade zur Bananenrepublik, und während das Klima völlig außer Rand und Band ist, diskutieren Politiker über Richtlinien und Nachkommastellen. Und Österreich … Ach, da winkt Philipp Preuss ab. Über einen Kanzler Kickl kann der gebürtige Bregenzer nur den Kopf schütteln. „Wir leben in surrealen, alptraumhaften Zeiten“, sagt er. Womit man beim Theater wäre, zu dessen Aufgaben schließlich gehört, der Welt den Spiegel vorzuhalten. Was läge da näher, als sich bei Kafka zu bedienen? Nicht inhaltlich, sondern strukturell, versteht sich, mit Elementen des Absurden und des Wahnsinns, irgendwo zwischen Roadmovie und Horrorshow. All das bietet Kathrin Rögglas Text „Kein Plan (Kafkas Handy)“, den die Autorin explizit für das Theater an der Ruhr geschrieben hat – und den Preuss jetzt dort inszeniert.

Die Handlung dreht sich um vier Geschwister auf dem Weg ins Nirgendwo. Wie in einer endlosen Odyssee fahren sie durch eine immer diffuser werdende Wirklichkeit, in der Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt werden und selbst das scheinbar Verlässliche zerbricht. „Im Grunde befinden wir uns alle in einer Art Limbus“, so Preuss, „und schaffen uns unsere eigene Realität. Wir wissen nicht, wie auf die politischen und technologischen Veränderungen zu reagieren, es fehlt der große gesellschaftliche Plan, deswegen auch der Stücktitel von Kathrin Röggla. So bilden die Figuren in diesem ,Road Play‘ ihre eigene Welt aus, indem sie in ihr spielen und über sie sprechen.“ Kathrin Röggla hat sich explizit von Franz Kafka inspirieren lassen, von Werken wie „Das Schloss“ oder auch „Der Process“. Gleichzeitig setzen Preuss und sein Team auf digitale Elemente. „Unsere Video-Künstlerin Konny Keller arbeitet unter anderem mit einer KI“, erzählt er. „Schließlich ist auch unsere Aufgabe als Künstler mittlerweile eine andere geworden als noch vor fünf Jahren. Es ist unglaublich, was heutzutage mit der Technik möglich ist, etwa allein mit einem Computer fotorealistische Bilder oder auch ganze Filme zu generieren. Für unseren Probenprozess hat Konny daher mal ein altes Bild von Kafka genommen und ihm ein Handy in die Hand gegeben. Und es mag sogar Menschen geben, die diese Virtualität mit der Realität verwechseln.“ Womit der Wahnsinn beginnt.

Kein Plan (Kafkas Handy) | 20. (UA beim mehrwöchigen Theaterereignis „Geheimnis 2“), 21., 22.2., 14.3. je 19.30 Uhr, 1.3. 19 Uhr, 2.3. 18 Uhr | Theater an der Ruhr, Mülheim an der Ruhr | www.theateranderruhr.de

Thomas Kölsch

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