Frank Goosen beim Fotoshooting
Foto: Philipp Wente

Keine Angst vor Spießigkeit

01. Januar 2010

Frank Goosens neues Buch "Radio Heimat" ist auch eine Liebeserklärung an das Ruhrgebiet - Literatur-Portrait 01/10

Die Tapete ist schuld. Diese beige-braune Geschmacklosigkeit im 60er-Jahre-Design klebt an einer Wand im Atelier des Wittener Fotografen Philipp Wente, mit dem Frank Goosen seit vielen Jahren befreundet ist. Eigentlich wollten die beiden nur ein Plakatmotiv für Goosens Bühnenprogramm „A 40“ fotografieren. Doch irgendwie kamen sie ins Philosophieren. Übers Ruhrgebiet. Übers Zuhause. Über Nostalgie. Und irgendwann fiel der Begriff „Radio Heimat“. Und Frank Goosen wusste, dass er den Titel für sein neues Buch gefunden hatte.
Wobei man bei „Heimat“ ja zunächst mal direkt an „Spießigkeit“ denkt – für den Bochumer Autor und Kabarettisten ist das kein Problem: „Werden wir im Laufe der Jahre nicht alle ein bisschen spießig? Es kommt doch immer darauf an, wie man Spießigkeit definiert – solange es nicht mit Borniertheit einhergeht ... schließlich findet man ja gerade häufig in angeblich so alternativen Milieus eine höchst ausgeprägte Engstirnigkeit.


Keine Zeit für Epen

Eigentlich hatte Frank Goosen zum Kulturhauptstadtjahr 2010 große, ambitionierte Pläne: Einen richtig dicken Familienroman vor der Kulisse von Industrie und Strukturwandel hat er schon seit längerem in Arbeit. „Aber irgendwann musste ich mir eingestehen, dass das Ding nicht rechtzeitig fertig werden wird“, gibt er zu. 70 bis 80 Seiten hat er bereits in der Schublade, doch dann kamen immer mehr Auftritte dazwischen. „So ein Roman ist viel Arbeit – nicht nur, was die Recherche angeht, sondern auch das Schreiben selbst. Dafür fehlte mir zwischenzeitlich einfach die Konzentration.“ Im Gegensatz zu den meisten Autoren, die sich nach einer Lesereise in der Regel wieder an den Schreibtisch begeben können, ist Goosen mit unterschiedlichen Programmen auf Kabarettund Kleinkunstbühnen unterwegs. Comedy läuft zurzeit unheimlich gut, und vor allem „Echtes Leder“, Goosens Fußballprogramm, ist landauf landab gefragt. „Das Fußball-Buch ist sogar von allen meinen Büchern das meistverkaufte.“

A40 überholt

Nun erscheint also kein großes Familienepos, sondern eine Sammlung komischer, zum Teil autobiographisch geprägter Geschichten aus dem Ruhrgebiet: „Radio Heimat“. Auf den ersten Blick liegt die Vermutung nahe, dass es sich hierbei um die literarische Zweitverwertung des „A40“- Programms handeln könnte. Ganz von der Hand weisen will Frank Goosen diese Anlehnung nicht: „Mich haben immer wieder Menschen gefragt, ob es das A40-Programm mal irgendwann als Buch geben wird.“ So finden sich tatsächlich einige Texte aus dem erfolgreichen Bühnenprogramm in dem Buch, doch viele Geschichten sind neu entstanden: „Ich habe endlich mal über unsere Stammkneipe aus Schulzeiten, dem „Sportfreund“ am Ostring, geschrieben.“ Und natürlich darf auch Goosens „Omma“ nicht fehlen, die früher in einer Dienstwohnung im Bochumer Rathaus gewohnt hat. „Beim ‚Tag der offenen Tür‘ zum Rathausjubiläum waren wir mal wieder da. Das Badezimmer ist noch original wie früher, sogar die Prilblumen, die ich aufgeklebt habe, sind noch an den Kacheln. Und der orange Halter für den Nassrasierer meines Opas auch noch.“ Statt Kloschüssel steht heute allerdings ein Kopierer in dem Raum.

Buchpremiere in der Jahrhunderthalle

Parallel zum Buch, das im Januar im Frankfurter Eichborn-Verlag erscheint, kommt „Radio Heimat“ auch als Doppel-CD beim Bochumer Label „Roof-Records“ heraus. Die offizielle Premiere findet am 16. Januar in der Jahrhunderthalle statt: „Das freut mich natürlich ganz besonders – nicht nur, weil die Jahrhunderthalle eine ganz besondere Location ist, sondern auch, weil ich ja an der Alleestraße quasi nebenan aufgewachsen bin.“ Bei aller Vorfreude schwingt ein wenig Wehmut mit, ist die Verlegung der Buchpremiere an diesen Ort doch aus der Not geboren: Das „Café Industrie“, das neue Theater mitten im Bochumer Bermuda3eck, das zu Frank Goosens Heimspielstätte werden soll, wartet immer noch darauf, dass baurechtliche Weichen gestellt werden. „Zum Kulturhauptstadtjahr präsentiert sich die Stadt Bochum im groß angekündigten ‚kreativen Viertel Viktoriaquartier’ einzig mit einem neuen Lidl-Markt“, lautet die ernüchternde Bilanz, und Goosens Humor wird bitter, wenn er Revue passieren lässt, mit welchen Schwierigkeiten ein freier, nicht öffentlich geförderter Kulturträger in Bochum zu kämpfen hat. „Derzeit hängt alles an den Sanierungskosten für eine Abwasserleitung.“ Wo ein Wille ist, da müsse doch eigentlich auch ein Weg sein, findet Goosen. Doch genau diesen Willen vermisst er an entscheidenden Stellen.

Bochum - New York

Längst hat sich Goosen einen Ruf als Humorbotschafter des Ruhrgebiets erworben: „Aber Ruhrgebietshumor ist eigentlich bundesweit kompatibel, der spielt in der ersten Liga.“ Dass das Ruhrgebiet seine Heimat ist, daraus macht er kein Hehl, trotz vieler Dinge, über die er sich aufregen kann – vor allem und gerade auch in Bochum. „Ich glaube, Heimat hat nichts mit dem Ort zu tun, an dem man geboren ist; Heimat ist eher ein Gefühl.“ So ist es kein Wunder, dass Frank Goosen zuletzt zu Studienzeiten daran dachte, Bochum den Rücken zu kehren – heute sieht er dafür keine Gründe mehr: „Wo sollte ich auch anders hin?“ Obwohl – wenn er sich‘s so recht überlegt, gerät er doch ins Träumen: „Vielleicht, wenn die Kinder mal aus dem Haus sind, ziehe ich nach New York. Wenn schon was anderes als Bochum, dann muss es New York sein. Alles andere dazwischen ist langweilig.“
Die Fotosession, die zum Buchtitel „Radio Heimat“ geführt hat, musste übrigens im Vorfeld der Veröffentlichung noch einmal wiederholt werden: Frank Goosen, der früher 2/3 des Duos „Tresenlesen“ war, hat in den letzten Monaten so stark abgenommen, dass er seinen eigenen Pressefotos nicht mehr ähnlich sah...

FRANK SCHORNECK

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