Beim Thema Klimawandel ist es angesichts nicht endender Hiobsbotschaften schwer, zuversichtlich zu bleiben. Inmitten von neuen Hitzerekorden und Extremwetter-Ereignissen sieht die Wissenschaft verstärkt Anzeichen dafür, dass der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur immer schneller vonstatten geht. Politik und Gesellschaft ficht das zu einem großen Teil wenig an, im Gegenteil, die öffentliche Debatte widmet sich vorzugsweise anderen Problemen. Die jüngste Klimakonferenz COP29 ging mit einem kläglichen Minimalkonsens zu Ende und mit der Wiederwahl Donald Trumps scheinen sich die schlimmsten Alpträume von Klimaschützern zu bewahrheiten: Der weltbeste Klimaleugner ist fest entschlossen, erneut aus dem Pariser Abkommen auszusteigen, um noch mehr Öl, Kohle und Gas verfeuern zu können – dem Wissenschaftsprojekt Climate Action Tracker zufolge könnte allein das die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts um weitere 0,04 Grad erhöhen.
Klimawandel verändert Erzählen
Keine guten Voraussetzungen für eine lebenswerte Zukunft also – was kein Grund ist, sich diese Zukunft nicht trotzdem auszumalen. Aus der Literatur jedenfalls sei das Thema nicht mehr wegzudenken, sagt der Bochumer Literaturwissenschaftler Markus Tillmann: Im weiten Feld der Science Fiction habe sich seit den späten 2000er Jahren mit der Climate Fiction ein Subgenre herausgebildet, das den Klimawandel und seine politischen, sozialen, psychologischen und ethischen Folgen in den Mittelpunkt rücke. „Der Klimawandel ist nicht einfach ein Thema, er verändert elementare erzählerische Vorgänge und erhebt den Ort selbst zu einem Akteur“, so Tillmann.
Gemeinsam mit Studierenden der Ruhr-Universität Bochum hatte sich Tillmann in einem Projekt mit der Climate Fiction und ihren Möglichkeiten auseinandergesetzt. Zum Abschluss des Projekts lud er zusammen mit der Literarischen Gesellschaft Bochum Autor:innen und Kulturwissenschaftler:innen unter dem Titel „Klimafiktionen“ zu einer Tagung im Theater Rottstr. 5 ein, darunter Aiki Mira und Theresa Hannig, die zurzeit zu den bekanntesten Vertretern der deutschsprachigen Science Fiction gehören und die beide erst vor kurzem Romane veröffentlicht haben, in denen der Klimawandel präsent ist.
Abschied von der alten Welt
„Klimafiktionen können Menschen wachrütteln“, zeigte sich Ralf Glitzer überzeugt, der Vorsitzende der Literarischen Gesellschaft Bochum. Ein „Ideen-Inkubator“ könnten sie sein, um „Menschen in ihrer gewohnten Wahrnehmung zu perforieren“. Sie könnten den Mut befördern, „die Hoffnung auf die Rettung der alten Welt fahren zu lassen", wie die Kulturwissenschaftlerin Birgit Schneider es ausdrückte.
Das Thema beeinflusse auch die Form, so Tillmann, denn um die Komplexität des Klimawandels abzubilden, biete sich die Verwendung vielfältiger Schreibstile und Sichtweisen an. Als Beispiel nannte er „Das Ministerium für die Zukunft“ des US-Autors Kim Stanley Robinson, einem Pionier der Climate Fiction: In dem Roman von 2021 verwendet Robinson neben konventionellen Erzählpassagen fiktive Interviews, sachbuchartige Exkurse und eine Vielzahl von Erzählperspektiven, um einen mehrere Jahrzehnte währenden Kampf gegen den Klimakollaps zu schildern – der trotz Naturkatastrophen und Ökoterrorismus auf einer hoffnungsvollen Note endet.
Denn Climate Fiction ist längst nicht zwingend dystopisch, das zeigt auch der Solarpunk, eine visuelle Medien und Literatur umfassende Strömung, deren Utopien auf einem postkapitalistischen Gesellschaftsbild und regenerativen Energien gründen.
Sozialer Klimawandel
Aiki Mira hingegen sieht die Zeit für post-klimatische Fiktionen gekommen, denn der Klimawandel sei bereits Gegenwart und der Kollaps „unendend“, also ein Prozess, der stets voranschreite – nicht die ökologische Zukunft steht bei ihr im Fokus, sondern wie diese sich auf zwischenmenschliche Beziehungen auswirkt. In ihrem Roman „Proxi“ schickt sie daher eine Gemeinschaft aus Trans-Personen und Künstlichen Intelligenzen auf einen Roadtrip durch eine postklimatische Wüste aus Mikroplastik-Sand, in der die Sedimente des Anthropozäns surreale Formen annehmen.
Theresa Hannig wiederum geht in „Parts per Million“ von der Gegenwart aus und entwirft ein Szenario, in dem sich der Klima-Aktivismus unserer Tage tatsächlich in Richtung des Ökoterrorismus entwickelt. Hannig warnt vor dieser Entwicklung, denn Versuche, demokratische Prozesse mit Gewalt zu umgehen, enden in autoritären Systemen, schreibt sie im Nachwort. Hannig möchte die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Demokratie noch zu retten ist. Und mit ihr die Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten einer freien Gesellschaft.
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