„Ich kenne dich nicht mehr", schleudert Martha Vockerat (Katharina Linder) ihrem Sohn Johannes ins Gesicht. Es klingt wie eine biblische Verstoßung. Und ihr Mann (Michael Schütz) sekundiert: „Wir sind zu Ende." Es ist der Schlusspunkt, den diese christlich-liberalen Eltern nach einer Auseinandersetzung setzen, die alle Grenzen des familiären Miteinanders sprengt. Eine Schlacht, die man so in der alten Dramenscharteke „Einsame Menschen" nicht erwartet hätte. Gerhart Hauptmanns Stück führt einen eigentlich simplen Konflikt vor. Der junge Wissenschaftler Johannes Vockerat lebt mit seiner Frau Käthe auf dem Land, das erste Kind ist da. Alles gut eigentlich. Doch dann taucht die Studentin Anna Mahr auf und Johannes versucht mit aller Macht, aus seiner Ehe eine Menage à trois zu machen. Ein Konflikt um Individualismus, Familie, Verantwortung und privates Glück, den Regisseur Roger Vontobel größtmöglicher Öffentlichkeit aussetzt.
Die Bühne im Bochumer Schauspielhaus ist zur Arena umgebaut, in deren Mitte fünf Stühle auf der Drehscheibe stehen, die den ganzen Abend nicht zur Ruhe kommt. Ein Stutzflügel deutet einen bürgerlichen Salon an, doch hier liegt die Familie auf dem Seziertisch. Familienaufstellung sitzend. Die Taufe des Kindes wird zur einträchtigen Familienfeier mit dem Pianist und Tenor, christliches Liedgut und Reinhard Meys „Das Apfelbäumchen" inklusive. Eine ökumenische Jovialität hängt in der Luft – was Käthe, Johannes' Frau, durch ihr verstörtes Ausscheren schnell als Firnis entlarvt. Überhaupt ist diese Dulderin, die ihrem Mann alles nachsieht, das geheime Zentrum des Abends. Der tastenden Körpersprache, der Wollsockenästhetik, der brutalen Selbstverleugnung, die in einen depressiven Zusammenbruch führt, zum Trotz: Die Präsenz von Jana Schulz ist unübersehbar. Ihre Widersacherin Anna Maar bleibt bei Therese Dörr dagegen eher schwach konturiert. Sie stürmt zwar mit Inbrunst ins Familiensetting; brüllt lautstark bei den Liedern mit. Viel knalliger Elan, der konterkariert wird durch die Bitten um Zuneigung.
Freiheitscredo versus Einsamkeit, das scheint allerdings zu einfach. Was sie mit Johannes verbindet, bleibt undeutlich. Der Möchtegern-Wissenschaftler will das Unmögliche: Selbstverwirklichung und Familie. Vor dem Hintergrund einer sich individualisierenden Gesellschaft ein aktueller Konflikt. In Paul Herwegs Deutung des Johannes führt dieser Konflikt allerdings geradewegs in eine neurasthenische Hysterisierung. Er nölt, keift, explodiert, ein hilfloser Trotzkopf, der alles will und zwar sofort – nur um sich dann schreiend in eine Familienschlacht Strindbergscher Dimension zu werfen.
Hatten bisher das psychologische Feintuning samt Akustik gelitten, so füllt das 1890 entstandene Kammerspiel nun auch die große Bühnendimension. Wenn am Ende allerdings Käthe als wiederauferstandene Mutter mit umgeschnalltem Tragesack die Stühle zusammenräumt, wird einem schon mulmig: Mutterschaft als Antwort auf Johannes' Individualisierungsbegehren – das klingt nach einem ziemlich konservativem Rollback.
„Einsame Menschen" | R: Roger Vontobel | Sa 20.12. 19 Uhr, So 28.12. 17 Uhr | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55
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