Eigentlich lohnt es sich nicht, darüber zu streiten. Aber als die Literatur-EntertainerInnen von Treibgut dann als gute SeefahrerInnen schöne Papierschiffchen falten, kommt doch die Frage nach der ästhetischen Dignität des Selbstgebastelten auf: Ist das nun Kunst oder kann das weg?
Für Ulrich Schröder, einer der Treibgut-Leser an diesem Abend im Neuland, eine klare Sache: „Wir sind doch hier nicht bei den Urbanen Künsten Ruhr." Denn darüber, was Kunst ist, entschieden die Urbanen Künste im Sommer nicht nur, sondern zeigten in der Administration ihrer Kulturproduktion in etwa so viel Fingerspitzengefühl wie einst Walter Ulbricht in der Innenpolitik, als sie das studentische Wandbild „Hoffnungen, Träume und Ängste der RUB-Studenten“ an der Ruhr-Uni kurzerhand durch neue Offizialkunst ersetzten – Kunstzerstörung durch Kunst. Das Resultat, ein grauer Klecks mit der Aufschrift „Hope“, ist auch die traumatische Inspirationsquelle für Schröders satirischen Beitrag an diesem Treibgut-Abend.
Wachstumsbeschleunigungsgesäß des EUlefanten
Für seinen Ich-Erzähler ist schnell klar: No Hope! Es herrscht Krieg: „Kunst gegen Kunst“. Denn endlich klärt uns mal jemand auf, was die esoterischen Romantiker mit ihrer Rede von der Zerstörung von Kunstformen meinten: Es ist der Wahnsinn, der Schröders Protagonisten dazu treibt, „mit der Kreissäge das Zentrum des Bösen aufzusuchen“: Richard Serras Skulptur „Terminal“ am Bochumer Hbf wird in seiner Fiktion gefällt! Aus einem absurden Kunstzerstörungsszenario ergibt sich schließlich, dass „das teuerste Pissoir Bochums (...) wie einst Lenins Kopf“ im Film „Goodbye, Lenin“ per Hubschrauber abtransportiert wird – wohin ist für den wahnsinnigen Ästheten klar: „Vors Hauptquartier der urbanen Künste“.
Philipp Dorok setzt dagegen in seinem kapitalismuskritischen Beitrag da an, worüber schon der Schriftsteller Max Frisch treffend resümierte: „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen.“ Den Ruf der Unternehmen nach Effizienz und Profit, den drei heiligen „W’s“, Wirtschaft, Wachstum und Wettbewerb, kontrastiert Dorok in seinem Text mit einer kritischen Denkpause: „Warum halten wir fest an einem System, dass so viele Leiden erzeugt?“ Am Ende steht ein Plädoyer, das den Menschen als Menschen vorschlägt, statt als „Humankapital“. Ähnlich scharfe Kritik ist auch in Doroks Satire über den EUlefanten zu vernehmen. So weist das (B-)Rüsseltier ein Wachstumsbeschleunigungsgesäß vor: „Immer mehr Lobbyisten kriechen rein.“
Kopftuchverbot für Piraten
Ein elegischer Blick ist es, den Felicitas Friedrich in ihrem Text auf die entfremdete Leistungssegelschaft wirft, in der vor allem ein schneller Takt vorherrscht, der sich wiederum ausdrückt in der Sehnsucht nach „dem optimalen Kick-Kick-Kick im Leben statt dem tick-tick-tick der to-do-Liste.“ Eine Balance aus „Kick“ und „to-do“ findet auch die erste Schriftbruch-Lesebühne an diesem Abend: Kritischer und satirischer Anspruch wird mit unterhaltsamen Nonsens-Spaß verbunden. Das wird schon spätestes dann klar, wenn Johannes Opfermann den Literaturabend mit einem Song über ein „Kopftuchverbot für Piraten“ einleitet. Ein gelungener Reiseauftakt: Die PiratInnen von Treibgut entern die Bochumer Literaturlandschaft und präsentieren sich selbstironisch als „RTL 2 der Literatur“. Egal, ob das dann auch noch Kunst ist. Es lohnt sich eben nicht, darüber zu streiten.
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