Bewältigung der Mittagspause
Foto: Birgit Hupfeld

Liebende Überwachung

28. Mai 2014

„Eine Blume als Gegenwehr“ am Schauspiel Essen – Theater Ruhr 06/14

Sein heißt wahrgenommen werden, lautet ein berühmter Satz des englischen Philosophen George Berkeley. Das lässt sich derzeit gleichermaßen auf den Hang zum Selfie wie zur Überwachung anwenden. Wer nicht überwacht wird, existiert nicht – und wird deshalb vielleicht auch nicht geliebt. Mühsam hat Frau F (Janina Sachau) ihre Computerhardware mit Klebeband zu einer Trümmerlandschaft auf einem Tisch zusammengeklebt. Und dann leuchtet es endlich wandgroß auf: Das Überwachungsbild dieses süßen und tollpatschigen Herrn M (Tom Gerber), in den Frau F sich im wörtlichen Sinne verguckt hat.

Seit zwei Jahren veranstaltet das Schauspiel Essen den Stückewettbewerb „Stück auf!“, der letztlich der Selbstversorgung dient: Der mit 5000 Euro prämierte Siegertext kommt in der folgenden Saison zur Uraufführung. Sieger 2013 war Katja Wachter mit ihrem Erstling „Eine Blume als Gegenwehr“. Ein Stück mit sechs Personen, deren Eigennamen zu Buchstabenkürzeln geschrumpft sind und die geradezu hilflos nach Nähe suchen. Regisseur Tilman Gersch entwickelt zu Beginn eine stumme Choreographie der Vergeblichkeit zwischen den sechs Tischen (Ausstattung: Andreas Auerbach) in der Essener Spielstätte Casa. Ein Ballett einsamer Kümmerlinge zwischen Annäherung und Flucht. Frau F ist Marktforscherin, die ihre Untersuchungen bis in die intimsten Lebensäußerungen ihrer Mitmenschen ausgedehnt hat und der kein statistisches Detail entgeht. Ihre arrogante, biedere Schwester B 2 (Ines Krug) hat diesbezüglich als Psychotherapeutin ihren ständigen Zwang zur Diagnose zum Erkenntnisraster verfeinert: Alles Fälle, wohin man sieht, inklusive ihres Kollegen B 1 (Jens Winterstein), der ihr auf schamlose Weise nachstellt und im Cordanzug als Klischee des amerikanischen Seelendoktors daherkommt. Ausgerechnet er gibt sich als Faktenfetischist, der psychischen Phänomenen mit schierer Tatsachenerhebung beizukommen versucht. Statistik und Einzelfall, Algorithmus und Zufall, Systematik und Störung, das ist das Labyrinth, in dem sich Katja Wachters Figuren verfangen. Ob Psychoanalyse oder Digitalisierung, die Kontrollsysteme menschlichen Verhaltens produzieren keine „Normalität“, sondern Verschrobenheit. Unter Wachters vermeintlich beiläufigen Dialogen, die zwischen platter Welterkenntnis und Alltagsgeplauder changieren, tut sich eine bodenlose Abgründigkeit auf.

Wer einsam ist, könnte das Problem einfach auch mit einer Stimme im Kopf lösen. Der durchgeknallte E (Jörg Malchow) mit Sci-Fi-Papphelm hat nicht nur den flüsternden Mann im Ohr, er sucht ihn auch noch in der Realität (was Therapeut B1 in den Wahnsinn treibt ) – und entdeckt ihn schließlich in Jonas Gerbers täppischem M. Der wiederum begegnet mehrfach zufällig Herrn T (Jens Ochlast), der sich partout nicht an vorherige Treffen erinnern kann. Tilman Gerschs Inszenierung setzt vor allem auf Pointen und Absurdität, scheut weder Slapstick, noch Boulevard. Man kann sich Wachters „Blume“ sicherlich abgründiger vorstellen, aber die Qualität dieses Stücks dürfte letztlich darin liegen, dass es eine Vielzahl an Deutungen zulässt.

„Eine Blume als Gegenwehr“ | R: Tilman Gersch | 6., 8., 29.6. 19 Uhr | Theater Essen | 0201 81 22 200

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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