Vier Freunde im zuckenden Aufblitzen der Stroboskoplichter und im treibenden Rhythmus stampfender Beats, zwischen Rausch und Ernüchterung, auf der Suche nach einem Sinn des Lebens. Oberflächlich betrachtet lassen sich viele Parallelen zwischen Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ (siehe trailer Märzausgabe 2010) und dem Debütroman von Marcel Maas ziehen. Doch dem 1987 in Oberhausen geborenen Autor geht es in „Play. Repeat.“ um mehr als die Schilderung von durchtanzten Nächten am Rande selbstzerstörerischer Drogenexzesse: „In meinem Text geht es um tiefergehende Fragen nach Geschwindigkeit und Datenfluss, Reizüberflutung und Langeweile. Sehnsucht. Das Erwachsenwerden als Drohung, die Zitatensammlung in unseren Köpfen als Horizont. Musik und Drogen und Jugend sind dabei die Kulissen.“ Und so schon der Untertitel „Ein Prosa-Set“ zeigt auf, dass der junge Autor seinen Schreibtisch wie ein DJ-Pult betrachtet. Allseits bekannte Eltern-Floskeln werden ebenso wie Bandnamen und Songtitel geloopt und gesamplet, Satz- und Gedankenfetzen blitzen durchs Soundgewitter. Die Prosa von Marcel Maas ist schnell, rhythmisch, Pop-Literatur im musikalischen Sinne.
Fade in
Man könnte meinen, dass diese Art von Literatur in der Clubszene der Hauptstadt gediehen sei, doch im Gegensatz zu vielen anderen Ruhrgebietsautoren zog es den Oberhausener nicht nach Berlin. Auf die obligatorische Frage hiernach sagt er nur: „Ach, Berlin. Meine bisherigen Stationen waren keine bewusste Entscheidung gegen die Hauptstadt, sondern eher logische Konsequenzen meiner Lebensabschnitte. In Hildesheim habe ich studiert. Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus ging halt nur da. 5 Jahre war ich dort, und bis heute bin ich auch nicht weiter als bis nach Hannover gekommen. Hier habe ich mit einem Freund die Marcel Maas und Lutz Woellert 42GbR gegründet, und hier arbeiten wir. Berlin interessiert mich gerade nicht, vielleicht kommt das noch.“
Und weil für die rastlose Partyszene, die sich durch die 120 Seiten tanzt, kaum Hildesheim oder Hannover als Inspiration herhalten können, entwirft der Roman eine Netzkarte des Ruhrgebiets, taumelt zwischen Bochum-Oberhausen-Duisburg-Essen hin und her, stürzt ab im Underground, Druckluft, Djäzz oder Hotel Shanghai.
Ansonsten ist Marcel Maas dem Ruhrgebiet in erster Linie familiär verbunden: „Meine Familie und viele meiner Freunde leben in Oberhausen oder verteilt im Ruhrgebiet. Das wird immer mein Zuhause und meine Heimat bleiben. Etwas anderes wird wahrscheinlich nie an diese Stelle treten können.“
Förderung in Hildesheim
„Von der Literaturszene hier allerdings weiß ich wenig bis gar nichts“, räumt Maas ein. Seine literarische Prägung hat – auch wenn er 2007 Träger des Dortmunder do!pen-Awards war – in Hildesheim stattgefunden, wo das Schreiben einen hohen Stellenwert besitzt und mit dem Studienzweig Kreatives Schreiben eine der „Autorenschmieden“ Deutschlands angesiedelt ist. „Alles, was mit Literatur zu tun hat, hat in Hildesheim eigentlich auch mit der Uni, den Studenten und Dozenten und ihren Projekten zu tun. Man arbeitet praktisch, ist ständig dabei, eigene Ideen zu verfolgen, und wird darin bestärkt und gefördert. Die Literaturzeitschrift BELLA triste zum Beispiel ist ein solches, uneigennütziges, von Studenten seit 10 Jahren realisiertes Projekt. Durch die Arbeit an dieser Zeitschrift, die ich selbst 2 Jahre mitherausgeben konnte, habe ich wahrscheinlich mehr über Literatur und auch den Literaturmarkt gelernt als in den meisten Seminaren.“ Insbesondere weiß er allerdings auch zu schätzen, dass die Szene über den Studienalltag hinaus vernetzt ist und die Kontakte auch privater Natur sind: „Als Alltagsanalogie waren die meisten, mit denen ich gearbeitet und studiert habe, auch Freunde und Bekannte. Beim Trinken um 5 über Texte zu sprechen und dabei nicht zu verkrampfen, das ist Hildesheim für mich. Lesungen in Schwimmbädern und Kneipen, in leeren Fabriken und über den Dächern der Stadt zu machen, das ist Hildesheim. Oder im Bus das nächste Festival zu planen oder gemeinsam zu schreiben, einfach, weil es Spaß macht. Das ist es.“
Text, Drugs and Rock‘n’Roll
Spaß ist auch das Hauptmotiv für die „Literarische Boygroup“, zu der sich Marcel Maas gemeinsam mit Tilman Strasser, Lino Wirag und Jan Fischer zusammengefunden hat. Unter dem Namen „Text, Drugs and Rock'n'Roll“ machten sie eine Weile die (Lese-)bühnen unsicher. Das Projekt ist aus einer Laune heraus entstanden, schildert Maas: „Wir haben alle dasselbe in Hildesheim studiert, und zusammen stellten wir irgendwann fest, dass wir alle nicht diese coole Band-Jugend hatten und auch keine Musiker sind, und stattdessen nur schreiben können und trotzdem einfach mal raus wollen. Also haben wir unsere Texte zusammengepackt und sind „auf Tour“ gegangen. Haben also mehrere Lesungen hintereinander in Pforzheim oder Darmstadt oder Hamburg gemacht. Die Gage war am nächsten Morgen oft sowieso schon wieder weg, und so richtig ernst haben wir das eigentlich nie genommen.“ Im Gegensatz zur Berliner Formation „Fön“ (mit Tilman Rammstedt, Michael Ebmeyer, Florian Werner und Bruno Francescini), deren Programm hochmusikalisch ist, und wo die Autoren selbst zu diversen Instrumenten greifen, blieben „Text, Drugs and Rock‘n’Roll“ zunächst ohne echten Musikbezug. „Das waren nur wir, wie wir zu viert auf der Bühne rumsaßen, unsere Texte allein oder zusammen gelesen und zwischendurch blöde Witze gemacht haben. Wir hatten Slamtexte und ernste Storys, live synchronisierte Comics und schräge Gedichte. Alles ungeprobt und irgendwie gewollt spackig. Erst später haben wir dann ein bisschen ausgebaut und wirkliche Shows mit Live-Musikern, Kostümen und so nem Zeug gemacht, aber seit einem Jahr oder so ist nichts mehr groß passiert, weil wir mittlerweile über das ganze Land verstreut zu viel mit anderem zu tun haben. Obwohl wir das alle schade finden und gerne noch mal wieder zusammen auf die Bühne gehen würden. Das waren große Abende und Nächte“, bedauert Maas das Ende der gemeinsamen Hildesheimer Zeit.
Torten schlachten
Das Konzept seiner „42GbR“ allerdings wirkt so, als ob er sich einen hohen Spaßfaktor auch ins reguläre Arbeitsleben gerettet hat: Gemeinsam mit seinem Partner entwirft er Spiele, und zwar keine PC-Games, sondern Spielkonzepte, die zu zwischenmenschlichen Interaktionen einladen. So entwickeln sie gemeinsam Stadtspiele, eine Art Rätsel-Schnitzeljagd als interaktiver Reiseführer – natürlich ist Hildesheim die erste Stadt, die sich auf diese Weise erkunden lässt. Aber auch im kleineren Rahmen kann man sich Spiele für alle Anlässe von der Geburtstags- oder Hochzeitsfeier bis zum Firmen-Incentive entwickeln lassen. Außerdem rekrutieren die beiden Spielemacher auf ihrer Homepage Akteure für die größte Tortenschlacht der Welt. Es gibt also noch eine Menge ehrgeiziger Projekte …
Marcel Maas: Play. Repeat. I Frankfurter Verlagsanstalt I 17,90 Euro I
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