Vom Türsteher zum viel beachteten Regisseur und Autor: Nuran David Calis
Foto: privat

Mach den Mond zur Sonne

26. Oktober 2011

Der ehemalige Türsteher Nuran David Calis über Theater und seinen Debütroman – Literatur-Portrait 11/11

Ein junger Mann, dessen Eltern aus der Türkei nach Deutschland immigriert sind und der die deutsche Sprache für sich entdeckt hat, um sie auf dem Theater und in der Literatur in Szene zu setzen … – keine Angst, hier ist nicht das Portrait von Feridun Zaimoglu (siehe trailer-Septemberausgabe) in eine Zeitschleife geraten, sondern die Rede ist von Nuran David Calis, dessen Debütroman „Der Mond ist unsere Sonne“ seit kurzem im Handel erhältlich ist. Ähnlich wie Zaimoglu stammt auch Calis aus einer Arbeiterfamilie, der Vater ein Gießereiarbeiter, die Mutter Putzfrau. Doch auch wenn der 1976 in einem Bielefelder Sozialwohnungsbezirk geborene Calis ein Gymnasium besuchte, sieht er in seinen Eltern keine Wegbereiter für seine schriftstellerische Karriere: „Eine Erziehung durch meine leiblichen Eltern gab es praktisch nicht. Ich bin ihnen nicht böse, ich blicke auch nicht mit Verbitterung auf sie, aber Fakt ist: So einer wie ich wird eher von einem Blitz getroffen, als dass er es raus schafft aus dem toughen Milieu.“ Doch gerade weil sich seine Eltern nur wenig um ihn gekümmert haben, richtete sich der Junge in der Literatur sein Zuhause ein, ob im Lesen selbst, im Theater oder im Film: „Meine Eltern sind die großen Autoren, sie waren immer für mich da und sind es immer noch.“ Seine leiblichen Eltern können diese Leidenschaft nicht teilen, können auch nur bedingt am Erfolg des Sohnes teilhaben: „Das Buch oder all meine Werke, die ich geschrieben habe, können meine Eltern nicht lesen, denn sie sind Analphabeten. Das tut sehr weh. Aber ab und zu lese ich meiner Mutter was vor, auf Deutsch, dann übersetze ich es für sie …“

Literarischer Untergrundkämpfer

Berührungspunkte zu Zaimoglu gibt es dann aber doch noch, und zwar sehr direkt: Als Nuran David Calis in den 1990er Jahren die Bücher „Abschaum“ und „Kanak Sprak“ in die Hände fielen, war dies die Initialzündung, ein eigenes literarisch-künstlerisches Bewusstsein zu entwickeln: „Feridun Zaimoglu ist eine Ikone für mich. Seine Werke befreiten mich, verhalfen mir zur Eigenständigkeit, im Denken, im Fühlen, in der Kunst. Bis zu dem Zeitpunkt war ich aufgesogen von den großen Meistern des Erzählens, von Camus, Sartre, Schiller, Fontane, Dostojewski. Vor denen hatte ich viel zu viel Erfurcht, um mein eigenes Ding durchzuziehen.“

Das mag nun nach einem verkopften und introvertierten Jugendlichen klingen, doch auf der anderen Seite jobbte der Literaturliebhaber ab 1992 als Türsteher. Hier sammelt er eine Menschenkenntnis, die ihm später zugute kommen soll. Nach dem Abitur 1996 begann er ein Regiestudium an der renommierten Münchener Otto-Falckenberg-Schule, das er 2000 abschloss. Schon während der Zeit arbeitete er als Assistent sowohl an den Münchner Kammerspielen und als auch am Schauspielhaus Zürich. Mittlerweile inszenierte er am Thalia-Theater in Hamburg oder am Volkstheater in Wien. Doch bereits zur Studienzeit juckte es ihn in den Fingern, nicht nur fremden Texten zu Bühnenleben zu verhelfen: „Während ich Regie studierte, wollte ich alles, was ich in die Finger bekam, bearbeiten, überschreiben, selber schreiben. Ich wollte in den direkten Kontakt mit Werken und Wirklichkeit treten, mit meiner erlebten Wirklichkeit.“ Dieser Drang entspringt nicht zuletzt seinem Empfinden, eine politische Verantwortung zu tragen: „Sehr früh kam ich mir in diesem Land vor wie Heiner Müller in der DDR. Ich empfinde mich hier im Widerstand, wie ein Dissident, der Dinge anspricht, die tabu sind: Armut, Wut, soziale Ungerechtigkeit, Integrationsfehler der BRD in den 1950er Jahren.“ Er sieht sich als „eine Art ‚Untergrundkämpfer’, der den Traum der ‚heilen Welt’ für eine Lüge hält.“ Und so schreibt er auch von Menschen, „die an den Rand der Gesellschaft gespült worden sind und sich zurückkämpfen wollen. Die ‚Aufklärung nach unten’ steht uns allen noch bevor. Den Gesellschaftsschichten fehlen die ‚Erkenntniswerkzeuge’ füreinander. An diesen Werkzeugen arbeite ich, und wie sie benutzt werden können.“

Theater bis zur Schmerzgrenze

Diesem Anspruch wird Nuran David Calis auch gerecht, wenn er Bühnenstücke mit Jugendlichen erarbeitet, zuletzt 2010 mit „Next Generation“ am Bochumer Schauspielhaus. Hier hat er mit Jugendlichen aus dem gesamten Ruhrgebiet einen rasanten Mix aus Tanz, Musik und Theater kreiert, der sich trotzig über kulturelle und soziale Grenzen hinwegsetzt: „Bei diesen Arbeiten gehe ich selber dahin, wo es weh tut. Ich sauge alles um mich herum auf, dann tragen wir (das Theater) alles auf die Bühne. Hier sehe ich in Christoph Schlingensief ein großes Vorbild. Bei seinen Arbeiten gibt es keine ‚Pointe’, so wie bei meinen. Es ist eine Wissenschaft für sich, die ‚totale Teilhabe’ bis an die Schmerzgrenze. Für alle Beteiligten, die Zuschauer, die Akteure.“ Dieses Zusammentreffen von Theaterpublikum auf Straßenkultur wurde von der Presse begeistert aufgenommen. Und auch der Roman „Der Mond ist unsere Sonne“ über den armenisch-deutschen Türsteher und seine Liebe zu einem Mädchen aus grün-alternativem Bürgertum ist geprägt von sprachlicher Rauheit und Direktheit. Die Szene lässt ihn auch weiterhin nicht los: Der nächste Roman, den Calis, der als großes literarisches Vorbild Albert Camus nennt, in Arbeit hat, trägt den Arbeitstitel „Rausch“ und spielt in der Stadt, in der der Theatermacher seit einer Weile lebt: „Es wird ein Münchener Roman. Es geht um das Nachtleben dieser reichen, sehr schönen, sehr zweifelhaften Stadt. Es geht um Menschen, die diese Nächte gestalten, damit andere ihre Party schieben können. Es geht um Clubbesitzer, Barfrauen, Barmänner, Nutten, Zuhälter, Klofrauen, Türsteher, Polizisten, Taxifahrer … – niemand stirbt, und es sind alle keine Teenager mehr.“

Nuran David Calis: Der Mond ist unsere Sonne I Fischer Verlag, 17,95 €

„Next Generation“ I 10./29.11. I Schauspielhaus Bochum

Januar 2012: Calis’ Neubearbeitung von „Zoff in Chioggia“ I Premiere im Schauspielhaus Bochum

FRANK SCHORNECK

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