Flexibles Talent: Xóchil A. Schütz
Foto: privat

Maisblüte an der Ruhr

22. Dezember 2011

Die Slam-Poetin Xóchil A. Schütz begeistert mit einem Roman und vertonten Gedichten – Literatur-Portrait 01/12

An die Ruhr der Liebe wegen – es gibt wirklich schlechtere Gründe, die quirlige Literaturszene der Bundeshauptstadt gegen das Revier zu tauschen. Die 1975 in Mannheim geborene Xóchil A. Schütz, die sich als Berliner Autorin und Performance-Poetin auf zahlreichen Lesungen, Literaturshows und Slams einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet hat, lebt seit kurzem im eher beschaulichen Sprockhövel. Kontakte zur hiesigen Szene hat sie bislang nicht geknüpft: „Bisher habe ich noch nicht viel mitbekommen. Ich arbeite an einem neuen Roman und hatte in den letzten Monaten zahlreiche Lesungen im gesamten deutschsprachigen Raum. Wenn ich hier bin, genieße ich die Ruhe und mache ausgedehnte Spaziergänge im Ennepe-Ruhr-Kreis und in der Elfringhauser Schweiz.“

strauchverliebt liegt der Tümpel tief im Tal
und lila Wiesenblumen laden ein,
den Pfad zum Kohlenmund zu nehmen.

Aktuell sammelt die Autorin, die ihren ungewöhnlichen Vornamen einer Mexikoreise ihrer Eltern verdankt (er bedeutet „Maisblüte“), euphorische Kritiken zu ihrem Romandebüt „Was ist“, das kürzlich im asphalt & anders Verlag erschienen ist. Der Roman erzählt aus der Perspektive einer jungen Frau, die eine ungute Beziehung zu einem Mann führt, der noch weniger als sie selbst in seinem Charakter gefestigt zu sein scheint. Erst nach und nach offenbart sich, dass viel weniger die Gegenwart als die Kindheit der Erzählerin mit traumatischen Erlebnissen verknüpft ist. Wie bei einer Zwiebel schält die Erzählerin Haut um Haut von ihrer verletzten Seele, berichtet von der schweren Loslösung aus alptraumhaftem Elternhaus.

Dunkel, feucht, vergittert liegt der Schlund am Hang
Es tropft in ihm das vorletzte Jahrhundert, schwarz
Die Zeche steht noch. Ihr Backsteinturm weist immobilienwärts

Gelobt wird nicht zuletzt Xóchils an der Lyrik geschulte Sprache: „Den meisten gelte ich als Lyrikerin, die einen Roman geschrieben hat. Ich weiß nicht, ob das so stimmt, denn ich schreibe seit Jahren mehr Prosa als Lyrik.“ Dass sie an den Sprachfluss besondere Ansprüche stellt, ist ihr jedoch durchaus bewusst: „Für mich war es wichtig, dass die Romansprache meine Rhythmik hat.“ Dabei hat sie weniger an eine „Performance“ des Textes gedacht, denn „das ist ein sehr ernster Text. Ich habe ihn eher für stille Stunden geschrieben. Ich habe immer auch Texte geschrieben, die nicht für die Bühne gedacht waren; ich habe als Kind schon geschrieben, erste Texte auf die Bühne gebracht habe ich erst sehr viele Jahre später (1999)“. So wandelt sie geschickt zwischen den Ansprüchen, die das Überleben auf Slam-Bühnen sichern, und denen, die das Feuilleton aufhorchen lassen. Ihre Bühnenpräsenz variiert von samtig-hintergründiger Erotik mit Mut zur Romantik bis hin zu frecher Berliner Schnauze und deftiger Pointe. Mit Nora Gomringer oder Lydia Daher zählt sie zu den wichtigsten Performerinnen mit internationalem Ruf. Dennoch hat sie den Slam-Bühnen weitgehend den Rücken gekehrt: „Ich hab gemerkt, dass ich anfange, mich zu ekeln, dass ich immer die gleichen Texte mache, nur weil ich weiß, mit den Texten hab ich den Slam schon weiß ich wie oft gewonnen, man fordert sich nicht mehr heraus, weil man nur noch gewinnen will, und das hat mich gelangweilt.“ Eine neue Herausforderung fand sie in einem Projekt, das ihre Stimme optimal in Szene setzt. 2009 produzierte sie schlicht unter dem Namen Xóchil eine CD, in der sie ihre feinsinnige Lyrik zu lässigem Jazz interpretiert. „Perlenkind“ lautet der Titel dieser Produktion, für die sie hochkarätige Musiker gewinnen konnte. Maßgeblich prägen elektronische Beats und Dirk Häfners Gitarre den Sound, aber auch Flügelhorn oder Harfe kommen zum Einsatz. Über drei Jahre lang arbeitete Xóchil mit Häfner und dem Produzenten Michael Hagel an dem Projekt: „Wir haben gejammt, sehr viel ausprobiert. Es war ein sinnlicher Prozess. Und eine lange Reise.“ Eine Reise, auf der sich Xóchil als charmante Reiseleiterin erweist.

Der Tümpel steht im Gift. Und ein Stacheldraht schließt aus
Alte Geländer, Gemäuer modern mitten in der blühenden Kamille

Erweist sich Xóchil A. Schütz in ihrer Lyrik als Poetin ohne Berührungsangst zu Naturbildern und Pathos, klingt ihr Roman viel abgeklärter. Der desillusionierte Blick der Ich-Erzählerin auf die Welt lässt Ähnlichkeiten zu Sibylle Berg oder Felicia Zeller anklingen. Xóchil sieht ihre Einflüsse jedoch bei anderen Autoren: „Von Sibylle Berg habe ich zwei, drei Kolumnen gelesen, die mir gefallen haben. Texte von Felicia Zeller kenne ich bisher leider nicht. Wenn mich eine deutschsprachige Gegenwartsautorin beeindruckt hat, dann ist es Birgit Vanderbeke. Ich mag ihre Sprache, und ich mag fast immer die Themen, die sie behandelt. Generell lese ich viel und viel Verschiedenes. Großartig finde ich die Romane von Jonathan Franzen. Auch Doris Lessing lese ich gerne.“ Besonders lang ist allerdings die Liste der Lyriker, von denen sich die Autorin beeinflusst und beeindruckt zeigt: Else Lasker-Schüler, Ingeborg Bachmann, Günter Eich, Paul Celan, Peter Rühmkorf, Gottfried Benn, Gioconda Belli oder Marjana Gaponenko zählt sie wie aus der Pistole geschossen auf.

Die Grille singt unter großen Sternen, lässt die Hasen springen
Kröten kauern in Kellergängen, wo die Ratten sterben
Entengrütze, Industrieromantik, tiefgrüne Pracht: Glück für die Erben

In ihrer neuen Wahlheimat fehlen Xóchil die zahlreichen Lesebühnen der Hauptstadt bislang nicht: „Zum einen habe ich ja immer wieder Auftritte, zum anderen genieße ich es sehr, in Ruhe zu schreiben. Mir fehlen ein paar Berliner Freunde und Berliner Museen. Aber zumindest Museen habe ich hier auch schon gefunden. Am liebsten mochte ich die Küppersmühle in Duisburg.“

Was ist, Roman | asphalt & anders, 16,90 Euro
Flamingo und Gnu (Neuauflage 2011), Gedichte | Araki Verlag, 9,90 Euro
CD: Perlenkind, edelkultur

Quelle: Die Zwischenzeilen entstammen dem noch unveröffentlichten Gedicht „Der Sommer südlich der Ruhr“ von Xóchil A. Schütz

FRANK SCHORNECK

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