Markus Orths Witz und Wortspiel begeisterten das Publikum
Foto: Frank Schorneck

Was nur schiefgehen kann

09. März 2026

Markus Orths im Literaturhaus Dortmund – Literatur 03/26

„Leben und Ansichten des Tristram Shandy, Gentleman“, ein neunbändiges Werk aus dem 18. Jahrhundert, genießt in Literaturkreisen Kultcharakter. Sein Autor, Laurence Sterne, hat die postmoderne Literatur vorweggenommen, bevor es überhaupt eine Moderne gab. Sein Roman-Opus schert sich keinen Deut um Erzählkonventionen, ergeht sich in seitenlangen Abschweifungen und Nebensträngen, spielt mit der Erwartungshaltung der Leser, fügt nach Lust und Laune eine leere oder auch eine gänzlich schwarze Seite ein und erlaubt sich auch sonst manche Spielerei. Nicht nur im englischen Sprachraum, auch im deutschsprachigen Bereich hat er prominente Bewunderer. Goethe oder Lessing zählen dazu. Ebenso Markus Orths, der seit seiner Schulsatire „Lehrerzimmer“ aus dem Jahr 2003 als feste Größe im Literaturbetrieb gilt. Im Literaturhaus Dortmund lockt die Lesung aus seinem neuesten Streich, „Die Enthusiasten“, trotz eines frühlingshaften Märztages zahlreiche Interessierte an.

Ein glänzender Vorleser

Die Lesung beginnt mit einer denkwürdigen Begegnung im Zug, wo der Ich-Erzähler Vincent auf eine geheimnisvolle Asiatin trifft, deren stetiger durchdringender Blick ihn zunehmend irritiert. Es dauert eine Weile, bis der Kurzsichtige bemerkt, dass die Frau sich Pupillen auf die Augenlider gemalt und im tiefen Schlaf seine Kontaktversuche gar nicht bemerkt hat. Mit dieser Eingangssequenz gibt Orths den Ton vor, beweist wieder einmal sein Gespür für absurde Situationskomik. Er erzählt daraufhin, dass sich Vincent auf dem Weg zu den Feierlichkeiten anlässlich des 250. Todestages von Laurence Sterne befindet. Seine Zusammenfassung der Ereignisse bringt die Zuhörenden schnell auf den Stand der Dinge: Vincent und zwei befreundete Sterne-Liebhaber erhalten das Angebot, ein angebliches zehntes Buch des „Tristram Shandy“ zu erwerben, ein Buch, das der Autor seinerzeit für zu gut befunden habe, es zu veröffentlichen, stellte es doch die vorherigen neun Bände in den Schatten.

Panoptikum der Missgeschicke

Eine Kostprobe aus dem Buch überzeugt alle drei von dessen Echtheit – aber der Eigentümer verlangt 150.000 Euro, um es aus den Händen zu geben. Hier setzt Orths mit einer langen Lesepassage ein, schildert den absurd schieflaufenden Versuch eines Banküberfalls. Er entwirft ein regelrechtes Slapstick-Panoptikum, lässt schief gehen, was schiefgehen kann und sein Publikum dankt ihm mit lautem Gelächter. Markus Orths glänzt hier als Vorleser, schraubt sich auch stimmlich in die Dynamik des Textes hinein, steigert sich in die rasante Abfolge der Missgeschicke.

Leuchten in den Augen

Im lebhaften Gespräch mit WDR-Moderatorin Cathrin Brackmann wird der zweite Handlungsstrang des Romans beleuchtet, die Geschichte einer in jeglicher Beziehung außergewöhnlichen Familie. Vincent ist das Kind zweier Buchbesessener, das elterliche Haus war bis in die hintersten Winkel – und sogar vor den Fenstern – mit Regalen und Büchern gefüllt, die Mutter war Garant für wilde Geschichten, der Vater ein Wortklauber auf der stetigen Suche nach originellen Formulierungen. Vincents kleiner Bruder Marcellus wiederum hat sich dem experimentellen Film zugewandt und die mit 1,94 m auch wortwörtlich große Schwester widmet sich als Wissenschaftlerin dem Feld der Dunklen Materie.

Aber ernsthaft

Beim Dortmunder Abend kann Orths nur ein kleines Schlaglicht auf den an literarischen Anspielungen und originellen Volten reichen Roman werfen, doch man erhält einen guten Eindruck von seinem Tonfall und auch von seiner eigenen Begeisterung für „Tristram Shandy“. Mit einem Leuchten in den Augen empfiehlt er die Hörbuchausgabe, gelesen von Harry Rowohlt, die leider nur noch antiquarisch erhältlich ist. Diese empfiehlt er als geeigneten Einstieg in das Werk, das ansonsten für eine heutige Leserschaft zunächst auch sehr sperrig wirken könne. Durch Rowohlts Intonation erschließe sich bereits beim Hören der Witz, den man ansonsten aus Ehrfurcht vor dem historischen Werk überlesen könne. Zumindest das kann einem mit „Die Enthusiasten“ nicht passieren. Hier sind Witz und Wortspiel offensichtlich, der Lesespaß erschließt sich, auch wenn man den „Tristram Shandy“ nie gelesen hat. Doch für die Kenner – nicht nur Sternes, sondern auch des Orthsschen Œuvre – bietet sich unter dieser Oberfläche noch eine weitere Ebene voller literarischer Anspielungen und ernsthafter Fragestellungen, zum Beispiel zum Einsatz von KI in der Literatur. „Die Enthusiasten“ erzählt die Geschichten von Menschen, die für ihre Leidenschaften alles riskieren, aber auch von Träumen und Verlusten.

Mit seiner amüsanten und nahbaren Art, aus dem Nähkästchen bzw. der Schreibstube zu plaudern, gewinnt Markus Orths das Publikum für sich. Cathrin Brackmann nimmt sich in der Moderation mit eigenen Interpretationen erfreulich zurück und gibt Orths Raum, bei seinen Antworten weit auszuholen. Möglicherweise hat er an diesem Abend nicht nur Leser:innen für seinen eigenen Roman gewinnen können, sondern auch Interesse an einem wegweisenden Roman aus dem 18 Jahrhundert geweckt. Was will man mehr?

Frank Schorneck

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