Die Tochter des Okeanos (Marieke Kregel) mit kultischer Reinigungshandlung (Aischylos)
Foto:Jakob Studnar

Mechanisch geht die Welt zugrunde

28. Februar 2013

Philipp Preuss mit „Kein Licht/ Prometheus“ im Schlosstheater Moers – Theater Ruhr 03/13

Ein leerer Raum. Ein weißer Ballon. Am Ende der Welt sind wir nun, in menschenleerer Wüste. Am Rande des Ruhrgebiets oder schon am Niederrhein? Im Kaukasus, in Fukushima? Moers ist scheinbar überall. Performativ geht es dort im Schlosstheater los. Regisseur Philipp Preuss inszeniert einen Doppelabend, die heilige Verbindung zwischen Elfriede Jelineks Text „Kein Licht.", ein Reflex auf die Reaktorkatastrophe in Japan, und Fragmenten aus Aischylos‘ „Der gefesselte Prometheus“, der griechischen Tragödie um den Titanen, der den Menschen das Feuer brachte, von Zeus gequält und am Ende mit einem Erdbeben in den Hades gestürzt wird. Die fünf Ensemblemitglieder zelebrieren diese Aischylos-Fragmente als pseudokultische Handlung im leeren Raum mit Soundfiles aus der Opferschale. Wechseln die Standorte, an denen imaginäre Maschinen bedient werden. Eine Position ist mit der Videokamera verbunden, die das Gesicht auf den weißen Ballon projiziert. Dass hier wohl der US-amerikanische Videokünstler Tony Oursler Pate der Idee war, kann schön am aktuellen David Bowie-Clip „Where are we now“ abgelesen werden. Der träumt von Berlin, Prometheus vom technischen Fortschritt.

Dumm nur, dass der das Schlosstheater zu meiden scheint, es flackert das Licht, es knistert der Ton, die Schauspieler ignorieren das tapfer, doch dann ist es dunkel, es hetzen Techniker auf die Bühne, murmeln etwas von Sicherungen, dabei hat Katja Stockhausen doch gerade als Io einen wilden Auftritt mit fliegendem Mikrofon. Prometheus versinkt mit Irren und Wirren im Dunkeln. Erst leuchten die Taschenlampen, dann das Theaterlicht. Das Publikum wandert in eine Pause. Komisch nur, dass die ganze Zeit über die Betriebslampe des Beamers über mir grün geleuchtet hat. Es ist also nicht eine, sondern die Pause mit mehr Licht.

Nach dem Umbau ist die Bühne in einen japanischen Reaktorblock verwandelt. Fünf schneeweiße Homunkuli irren durch den kleinen Raum, Schwarzlicht verstärkt den Saubermann-Effekt, sauber ist es, doch es strahlt auch enorm, deshalb sind die Ausgänge der grünen Box versperrt. Und man hätte ja nicht das ganze Meer schicken müssen. Elfriede Jelineks schöne Boshaftigkeit gegenüber einer absehbaren Naturkatastrophe macht den zweiten Teil zwar zeitgenössischer, was geht uns schließlich dieser Prometheus an, wir haben doch alle Feuerzeuge, aber er zeigt kleine Längen in der Choreografie. Es gibt kaum einen schlüssigen visuellen Weg von der kultischen Handlung zur Zelebrierung des Zappelns, auch nicht durch grelle Schminke, die den schnellen körperlichen Verfall zeigt.

Inhaltlich scheint die Verbindung passend. Im Kaukasus fing alles an, mit verschämtem Drehen an den Knöpfen, in Fukushima gibt es sie schon gar nicht mehr. Dafür tauchte das Wort Plutonium zufällig im Aischylos auf. Sehr schön. Aber Jelinek hat sich mit „Kein Licht“ den Ärger über das Versagen mit diesem Stoff von der Seele geschrieben, sie witzelt, sie tobt, sie lässt die Handvoll Überlebenden in quälender Unwissenheit, oder spricht da etwa der Reaktorblock selbst? Die Nobelpreisträgerin baut Preuss gleich mit ein, Marieke Kregel parodiert sie osterlitschig ohne Schutzanzug. Dann geht es weiter im mörderischen Tanz, bei dem die Menschlein immer wieder von den Wänden zurückgeworfen werden, dann im Gleichschritt marschieren, gemeinsam einsam, zu spät finden sie den Notausgang.

Der letzte Akt ist ein Gleichnis, was Jelinek wohl von der Welt hält. Der Oursler-Ball wird aufgepumpt, langsam aber stetig, alle halten sich vorsorglich die Ohren zu, denen sie die ganze Zeit nicht trauen konnten. Doch dieser Globus wird platzen, irgendwann.

„Kein Licht. | Prometheus“ IFr 5. April 19.30 Uhr I Schlosstheater Moers I02841 883 41 10

PETER ORTMANN

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