Im Roman setzt sich Bettina Flitner mit dem Selbstmord ihrer Schwester auseinander. Bettina Engelhardt hat den Stoff zusammen mit Dramaturgin Margit Sengebusch für die Bühne adaptiert.
trailer: Frau Engelhardt, Sie inszenieren „Meine Schwester“ von Bettina Flitner – was ist für das Theater so spannend an dem Roman?
Bettina Engelhardt: Das Leben! Dieser autobiografische Roman ist die Geschichte zweier Schwestern – Bettina und Susanne Flitner – in der Bundesrepublik zwischen den 1970er und den 2000er Jahren. Sie leben in einem immer noch patriarchalen Denksystem. Die Eltern haben eine polyamouröse Beziehung: Der Vater hat Verhältnisse, die Mutter hat Verhältnisse. Die Großeltern väterlicherseits waren Reformpädagogen. Mütterlicherseits war der Vater Arzt – ein sich selbst medikamentierender Depressiver. „Entweder man wird geliebt oder man wird geachtet. Liebe und Achtung schlossen sich aus. Man konnte nicht beides haben, man musste sich entscheiden.“ Das prägt Kinder, das prägt Menschen. Wie werden Traumata weitergegeben? Und wer versucht die Kette der Weitergabe zu zerschlagen, indem er die Vergangenheit befragt: „Warum bin ich hier und meine Schwester ist nicht mehr da?“ Prägt die Gesellschaft uns oder können wir die Gesellschaft prägen?
Im Roman symbolisieren schwarze Vögel die Depressionen. Wie viele Raben werden denn die Bühne bevölkern?
Nicht einer.
Warum sind die Puppen von Suse Wächter wichtig für die Inszenierung?
Suse Wächters Puppen sind ein Wunder – voller Magie und Humor. Die Zusammenarbeit mit ihr war für „Meine Schwester“ eine große Bereicherung. Eine Puppe für die Bühne zu entwerfen ist ein langer und tiefer Prozess. Vor dem Beginn des Baus müssen viele Fragen geklärt sein. Es geht um den Suizid der Schwester. Ich habe etwas gesucht, was mir die Möglichkeit gibt, dass die Figur der Schwester ein Alter Ego hat, das weiß, dass die Figur sterben wird. Die Puppe gibt uns die Möglichkeit, auf Sannes Leben schauen zu können. Wie das Schicksal. Die Frage für Suse und mich war, welches Gesicht geben wir „dem Schicksal“.
Traumata, Suizid, Depression – wird der Abend eine Tragödie?
Um Himmels willen. Das wird ein bewegend-lustiger Abend. Bettina Flitner hat immer betont: Meine Schwester war eine schöne Frau, sie hat wahnsinnig gerne gelebt – halt nur nicht dieses Leben. Flitner beschreibt im Roman so berührende, komische und aberwitzige Situationen, die sie als Kinder erlebt haben. Aber auch die Suche nach dem „Warum“. Wenn man sich für Selbstmord entscheidet, ist das eine Tragödie. Die Kraft dieses Buches besteht in der Aufarbeitung. „Was? Hätte man? Wann? Tun? Müssen?“ Da sind Schock, Lähmung, Wut und Verzweiflung. Themen, die im Verständnis der Tragweite einer gewissen Lebensreife bedürfen. Deshalb habe ich mich entschieden, die Figuren mit reifen Spielerinnen zu besetzen. Die Vorstellung, rückblickend auf diese Kindheit zu schauen, fand ich zauberhaft.
Und dieser politische und gesellschaftliche Kontext?
Familie ist die kleinste Zelle einer Gesellschaft. Ein Abbild. Ich habe mich gefragt, wie man Familie darstellen kann. Mein jüngster Sohn hat mal gesagt: Familie sei Weihnachten, wenn wir alle zusammen essen. Der Gedanke an Da Vincis „Letztes Abendmahl“ und das Geheimnis der Erlösung durch Tod und Auferstehung stehen dann schnell im Raum. Unser Bühnenbild ist ein großer Tisch, an dem alle Figuren des Romans Platz nehmen können. Das gibt Raum für Liebe, Verzweiflung, Vertrauen, Angst, Einsamkeit, Hoffnung, Mut und Verlust. Bei „Ödipus“ heißt es: „Man hat immer eine Wahl.“ Die beiden Spielerinnen können so in jede Figur des Buchs springen und die Möglichkeit der Wahl hinterfragen.
Ist der Anspruch der Familie an die Mädchen, was Bildung und Zukunft anbelangt, zu hoch gewesen?
Ja. Vielleicht. Bestimmt. Nein. Über die Mutter sagt der Vater: „Ich konnte nicht mit ihr reden. Sie war süß, aber dumm.“ Die Mutter schreit gegen die Unberührtheit des Vaters an. Verzweiflung, die in Wut umschlägt. Dem Anspruch nicht gerecht werden zu können, führt zu Leere und Erschöpfung. „Was passiert überhaupt mit der Energie all dieser ausgespuckten Frauen?“ Gibt es wirklich kein Entrinnen? Zerstörung gegen sich selbst und gegen andere Frauen, bis diese dann selbst an der Reihe sind und den gleichen Weg gehen. Schuld. Scham. Wut. Angst. Einsamkeit.
Die Familiengeschichte ist durchsetzt mit diesen Suiziden. Offenbar gibt es dafür ein Gen?
Das ist auch die Grundfrage, die Bettina Flitner sich in dem Roman stellt: Warum lebe ich und meine Schwester ist tot? Obwohl wir nur vier Jahre auseinander sind und die gleiche Erziehung genossen haben. Trotzdem kann man relativ früh erkennen, wie und wodurch die Wege der Schwestern geprägt werden. „Die Selbsttötung war für Sanne eine Möglichkeit der Konfliktlösung geworden. Diesen Korridor hat unsere Mutter für sie geöffnet.“ Sie hatte den Kindern immer gesagt, sie werde nicht älter als 47. Damit wuchsen beide Mädchen auf. Im Buch wird gesagt, dass es da eine „familiäre Vorbelastung“ gäbe. „Das hat eine genetische Komponente. Und entweder man erbt dieses Gen oder nicht.“ Hat Bettina es nicht geerbt?
Meine Schwester | 14. (UA), 15., 29.3. je 20 Uhr | Grillo-Theater, Essen | 0201 812 22 00
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