Nein, das ist doch keine Opferung, möchte man dazwischenrufen. Keine Opferung der Iphigenie, die den Göttern guten Wind für die Fahrt nach Troja abtrotzen soll und die dann eine Kette an Katastrophen über die Familie der Atriden heraufbeschwört. Denn während das glühendrote Laufband von „Opferung der Iphigenie“ spricht, ist auf der Bühne Vater Agamemnon am Bett seiner todkranken Tochter zu sehen, wie er ihr unter Tränen eine Ampulle reicht. Einvernehmliche Sterbehilfe, das ist es – aber eben doch auch eine Opferung.
Der junge australische Regisseur Simon Stone zerrt „Die Orestie“ des Aischylos in die Gegenwart und springt dabei mit dem Original ziemlich rüde um. Geblieben ist nur der Plot um den Tod der Tochter, den Hass der Mutter Klytämnestra auf den Ehemann Agamemnon und dessen Ermordung, sowie die Rache des Sohnes Orest wiederum an der Mutter und deren Liebhaber Aigisth. Doch die Geschichte wird nicht nur in eine lapidare Sprache heruntergebrochen, sondern auch noch von ihrem Ende her erzählt. Auf der Bühne läuft banalstes Alltagsgeschehen ab, das scheinbar nichts mit dem Mythos zu tun hat. Da hockt Klytämnestra zugedröhnt in einem Ohrensessel herum, während Orest rachedurstig hin- und hertigert. Dann reden zwei Angestellte über die großen Herrschaften, Iphigenies Zwillingsschwester Elektra im Rollstuhl trifft ihren Bruder Orest, der wiederum quatscht mit Freund Pylades am Kicker über amerikanische Serien und Muttermord. Doch während hier das Beiläufige zelebriert wird, erscheint auf dem schwarzen kaabaähnlichen Würfel, um den die Zuschauer sitzen und der sich für jede Szene hebt und wieder senkt, eine rote Leuchtschrift und erzählt den Mythos. Die Inszenierung von Simon Stone kleistert also die antike Vorlage nicht zu, sondern hält die Differenz zwischen der mythischen Schrift und dem Bühnengeschehen gegenwärtig. Zugleich wird das Banale durch pathosgetränkte religiöse Trauermusik aus Barock und Frühklassik (man denkt an Pasolinis frühen Film „Accatone“) fast zu einem Requiem überhöht. Antiker Mythos, banaler Alltag und christliche Transzendierung im Bedeutungsclash.
Stone erzählt den Plot als einfache Familiengeschichte mit Ehebruch, Pubertätskrach, Rachegefühlen – und erweist sich dabei moralischer als der Mythos: Agamemnon verliert alle Züge eines rücksichtslosen Eroberer und Tochtermörders. Torsten Bauer gibt den etwas ruppigen, aber liebevollen Vater und Feldherrn, der seine Ehefrau selbst nach zehn Jahren noch begehrt, der seine Töchter liebt, der nicht mit der Geliebten Kassandra zurückkehrt – dagegen hat Anja Schweitzers Klytämnestra etwas prätentiös schicksenhaftes und Jürgen Sarkiss‘ Aigisthos ist kaum mehr als ein zynischer Schwätzer, die nicht nur mit der Mutter, sondern auch mit der Tochter ins Bett geht. Stone dichtet seine Fassung jedoch nie wasserdicht ab: Das ständige Oszillieren zwischen Mythos und Gegenwart, das Changieren der Bedeutungskontexte ist es, das diese Inszenierung zu einem Erlebnis macht.
„Die Orestie“ | R: Simon Stone | Sa 5.4 & Sa 31.5. 19.30 Uhr, So 4.5. 18 Uhr | Theater Oberhausen | 0208 857 81 84
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