Mit donnernden Schritten geht Lum zur Tür. „Willst du, dass ich dich verlasse?“ brüllt er seinem Kompagnon Purl zu. „Natürlich“, schreit der ihm hinterher. Lum öffnet eine knarrende Tür, die jedem Psychothriller Ehre machen würde. Doch mit dem Verlassen wird es nichts. Die beiden können nicht ohne einander. Lum zieht die Tür donnernd ins Schloss, schlurft zurück und das Spiel geht von vorne los. Die beiden zappeln in einer Wortschleife. Schon am Anfang von Kay Voges Interpretation des „Endspiels“ von Beckett wird deutlich, dass es kein Entkommen aus der Vorhölle der vergeblichen Sinnstiftung gibt. In der Wiederholung liegt die Erfüllung. Doch wieso Purl und Lum? Voges hat Becketts Hauptfiguren Hamm und Clov gegen die Protagonisten aus Wolfram Lotz’ „Einige Nachrichten an das All“ ausgetauscht, das der Dortmunder Schauspieldirektor zum Auftakt der Spielzeit als Film inszeniert hatte. Jetzt marschieren die beiden geradewegs in Becketts Welt.
Auf der Strecke geblieben sind dabei auch Hamms Eltern Nell und Nagg, die in Mülltonnen ihr Leben fristen. Und so ist das „Endspiel“ bei Voges Duett und Duell zweier hinreißender Schauspieler: Uwe Schmieder und Frank Genser. Wie ein altes Ehepaar fragen die beiden ihre Gebrechen ab. Eine mitfühlende Zärtlichkeit liegt in Purls Erkundigung „Wie fühlst DU dich?“. Augen, Beine, alles wird schlechter, ein Ende ist nicht abzusehen. Doch Lum (Uwe Schmieder) ist auch ein Despot. Festgebannt auf dem durch ein Podest erhöhten Stuhl, die verklebten Augen hinter der Blindenbrille, zwingt er Lum, sich seine Geschichten anzuhören, nörgelt idiosynkratisch an der Position seines Stuhls herum und bettelt dann doch um eine Berührung. Der Lum des Frank Genser schlurft mit schlenkernden Armen wie Nosferatu auf Plateausohlen durch den Raum. Ein fehlgeschlagenes Klon-Experiment aus einem Horror-B-Movie, immer in gramgebeugtem Trab um seinen Herrn und doch renitent. Erst, als er die Maschinenpistole von der Wand nimmt und auf Purl schießt, richtet er sich kurz auf – ein Effekt von kurzer Dauer: Purl robbt zurück auf seinen Stuhl.
Hatte Voges in „Einige Nachrichten an das All“ die Bühnenwelt ins Zweidimensionale verrückt, so holt er hier den zweidimensionalen Film auf die Bühne. In Michael Sieberock-Serafimowitschs schwarzem Kasten sind die Möbel mit weißen Linien auf die Wände gemalt, alles ist bis zum Verschwinden flach, dafür plustert sich die akustische Ebene auf: Die Geräusche sind verstärkt, von Purls Schritten über das Knarren von Kinnladen bis zu den Schleifgeräuschen des Podests. Und wenn Purl die Hände an die Wand, natürlich an die vierte Wand, legt, ertönt Zarah Leanders „Nur nicht aus Liebe weinen“. Voges hält Becketts „Endspiel“ beeindruckend in der Schwebe zwischen Zitaten aus Horror-, Stummfilm und Comic; eine Etüde über das Verhältnis von Bühne und Film und dem Grauen des Nichts und der ewigen Wiederkehr. Sehenswert.
„Endspiel“ von Samuel Beckett | R: Kay Voges | Theater Dortmund | Sa 8.12., Sa.15.12., 20 Uhr | www.theaterdo.de
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