„Economania“
Foto: A. Köhring

Neulich in Wasteland

18. Dezember 2014

„Economania“ in Mülheim – Theater Ruhr 01/15

Irgendwo im Nirgendwo und Irgendwann. Die Menschheit hat ihren letzten Müll entsorgt und freundlicherweise sich mit, doch sieben auf einen Streich vergessen. Mittendrin im Abfall der Geschichte. Aber: Vergessen kann auch innovativ sein: Man kaut halt Plastikschläuche und Altpapier, nagt an Plastikstühlen und hat endlich Zeit nachzudenken, wenn man eben nur noch wüsste worüber. Roberto Ciulli inszeniert „Economania“ des türkischen Autors Yiğit Sertdemir als Koproduktion des Theater an der Ruhr mit dem Istanbuler Kumbaracı50. Sprachprobleme gibt es nicht, hat die Menschheit diese doch vergessen, kommuniziert nur noch mit Grunzen und sinnlosen Vokabeln, alles im Takt einer unbekannten Werks-Sirene.

Das Bühnenbild selbst ist eine Augenweide an grotesker Einsamkeit, erst nach einigen Minuten hat man alle sieben Protagonisten auch wirklich lokalisiert, die noch so manche Devotionalien aus alten Tagen verborgen halten. Und es sind beileibe nicht alle. Vier barocke Schauspieler kramen sich plötzlich aus dem Müllberg.„Die von früher“ haben irgendwie Zeit und Endzeit überlebt, wurden wie von einer Zeitmaschine aus der Probe zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ gerissen und finden sich in einer Unterwelt ohne Menschen aber mit undefinierten Riesen darüber. Ein Ausbruch wird vereitelt, aber ein Vorspiel bei den Herrschern könnte gelingen, wenn die Riesen wie Theseus, der Herzog von Athen reagieren. Ciulli inszeniert großartig zeitlupenhaft, langsam geht alles vorwärts wie in verklebter Zeit, fremde Sprachfetzen schneiden die geräuschstrukturierte Szenerie, nur der Gedächtnissklave Recai Hallaç kann sie noch übersetzen. Tapfer machen sich die Shakespearschen Handwerker ans Werk, erzeugen Gedächtnis und menschliche Regungen, was zu einer Orgie führt. Dann ist der Spuk auch vorbei. Das Geschehen outet sich als Spiel im Spiel. Die Magie des fremden Ortes löst sich auf. Es wird geraucht, diskutiert, mit den Requisiten gefuchtelt. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass es egal ist, aus welcher Kultur die Menschen einst stammten, wenn die Endzeit da ist. Aber eigentlich sollte das heute schon so sein.

„Economania“ | R: Roberto Ciulli | Do 5.2., Fr 6.2. 19.30 Uhr | Theater an der Ruhr, Mülheim | 0208 599 01 88

PETER ORTMANN

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